In Reichenbach hat man eine ''Rotmilanproblematik''!

Dort gab es 2015 so viele Flugbewegungen, dass die Windräder der Firma ENP aus Osnabrück nicht genehmigt werden konnten. Vielleicht fühlten sich die Ornithologen von Gutschker-Dongus aus Bad Kreuznach auch von anderen beobachtet, die dort eine Rotmilankartierung vorgenommen haben. Da konnte man nicht mogeln!

Ungeachtet der Tatsache, dass dort im August 2015 ein vergifteter Rotmilan gefunden wurde, spricht man in Reichenbach von einer ''Rotmilanproblematik''. Im März 2017 wurden 2 Bussarde gefunden, die mit demselben Gift vergiftet wurden.
Das scheint weder die Windkraftfirma ENP, noch die von ihr beauftragten Ornithologen von Gutschker-Dongus, zu beeindrucken. In der Hoffnung in diesem Jahr weniger Flugbewegungen dokumentieren zu müssen, finden gerade neue ''Beobachtungen'' statt. Ziel ist es bis 2018 mit 4 Anlagen ans Netz zu gehen.

Staatsanwaltschaft und Kripo ermitteln (...)

Nahe-Zeitung v. 09.06.2017 - ''Wieder zwei vergiftete Greifvögel'' / ENP Windpark Reichenbach GmbH und Co. KG spricht von ''Rotmilanproblematik''
Gemeinsame Pressemitteilung der Naturschutzinitiative e.V. und der POLLICHIA Verein für Naturforschung und Landespflege e.V. vom 07.06.2017
Aktueller Abdruck: ENP Windpark Reichenbach GmbH & Co. KG im Handelsregister Amtsgericht Osnabrück HRA 204236; abgerufen am 28.04.2015

Der Nahe-Durchbruch Historischer Schnellzug am 11.06.2017

Die verlorene Heimat auf dem Truppenübungsplatz Baumholder

ein Essay von Uwe Anhäuser

Kapitel:

Lesetipp

Fritz Kunz
70 Jahre Truppenübungsplatz Baumholder

von der bäuerlich geprägten Kultur-
zur militärisch bestimmten
Dienstleistungsgesellschaft

Das Buch ist über die
Verbandsgemeindeverwaltung Baumholder
erhältlich

In dem weitläufigen Hügelgebiet zwischen der Oberen Nahe und dem Glan gehen mehrere Landschaftsräume ineinander über. Je nach geographischer Perspektive kann die Gegend sowohl als ein Teil des Saar-Nahe-Berglands bzw. des Oberen Naheberglands betrachtet als auch dem Westrich zugeordnet oder dem nordpfälzischen Bergland „angehängt“ werden. Manche Leute rechnen diese Region sogar noch dem Hunsrück zu. Den Einheimischen früherer Zeiten waren derlei Ein- oder Unterteilungen allerdings recht gleichgültig; sie nannten ihre idyllische Heimat am liebsten „die bucklisch’ Welt“.

Im Herzen dieser Region wurde während der beiden letzten Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg der Truppenübungsplatz Baumholder angelegt. 14 Dörfer und ebenso viele Weiler, Einzelgehöfte und Mühlen mussten gemäß einer am 31. März 1937 veröffent­lichten Anordnung des Reichskanzlers Adolf Hitler aufgegeben, entvölkert und dem Erdboden gleich gemacht werden. Das unmittelbar mit dieser fatalen Großaktion verknüpfte persönliche Leid und die kollektive Trauer in den betroffenen Ortschaften wurden mit einer Flut patriotisch getränkter Scheinargumente überdeckt und weggespült. Die Einwohner der „politisch besten Dörfer“, so hieß es offiziell, hätten sich gern und freudig in die Notwendigkeit gefügt, ihre angestammte Heimat aufzugeben, um sie der übenden Truppe zu überlassen. Dass es bei alledem um die konkrete militärische Vorbereitung des Weltkriegs ging, ahnten anfangs nur die wenigsten der mehr oder minder willigen Umsiedler...

Am 1. Mai 1938 wurde ein westlich der alten Landstraße von Kirchenbollenbach nach Baumholder gelegenes Teilgebiet in die militärische Nutzung genommen. Elf Monate danach, am 1. April 1939, kam der größere östliche Landschaftsteil hinzu.

Ein Vierteljahrhundert später, beim Heimattag 1963 des Landkreises Birkenfeld, erinnerte der damalige Übungsplatz-Kommandant an die Umsiedlung und ihre emotionalen Folgen. Oberstleutnant Seel umriss in seinem Vortrag auch die kommunale Größenordnung jenes Geschehens: „Insgesamt wurden 3970 Einwohner aus 764 Haushalten (in 698 Wohnhäusern) durch die RUGES (Reichsumsiedlungsgesellschaft) umgesiedelt, und zwar in das rheinische Ried, nach Mecklenburg, in die Magdeburger Börde, aber auch zu einem nicht geringen Teil in die umliegenden Ortschaften hier innerhalb des Kreises Birkenfeld und der näheren Umgebung ihrer bisherigen Heimat. Wohin auch immer die Aussiedler hingekommen sind, ihre Anhänglichkeit zur Heimat haben sie nicht verloren. Das beweisen die jährlichen Heimattreffen der Bewohner der alten Truppenübungsplatz-Gemeinden, die heute noch von jeder ehemaligen Gemeinde hier mit Unterstützung des Gutsbezirks und der Kommandantur durchgeführt werden.

Von den 14 ausgesiedelten Ortschaften gehörten acht zum Amt Baumholder (Aulenbach, Ausweiler, Breungenborn, Frohnhausen, Mambächel, Grünbach, Ronnenberg, Erzweiler), drei weitere zum Amt Weierbach (Wieselbach, Ehlenbach, Kefersheim mit dem Wickenhof), zwei zum Amt Grumbach (Ilgesheim und Oberjeckenbach). Ferner verloren aus dem Amt Baumholder die Gemeinden Ruschberg, Reichenbach, Frauenberg und Hammerstein Teile ihrer Gemarkungen an den Übungsplatz. Das Amt Baumholder verlor insgesamt 1032 ha an den Übungsplatz, die Stadt Baumholder 406 ha. Eine Fläche von rund 11000 ha, davon rund 7500 ha landwirtschaftliche Fläche, und 3500 ha Wald wurde vom Reichsfiskus (Heer) übernommen.“

Lediglich ein kleiner Teil des malerisch im Totenalbtal gelegenen Dorfes Erzweiler blieb noch bis 1974 bewohnt. Und die gänzlich ins Abseits gedrängte Ortschaft Zaubach – einst als „verträumte Oase des Friedens“ bezeichnet – wurde zum 1. Januar 1978 aufgelöst und dem Gutsbezirk Baumholder eingegliedert. Dieser war als kommunalrechtliche Besonderheit für die zivile Verwaltung des gemeindefreien Truppen­übungsplatzes gebildet worden, dessen Gesamtfläche heute rund 11800 Hektar beträgt und damit ca. 15 Prozent des Landkreises Birkenfeld einnimmt.

Die "drei Letzten" von Erzweiler

Die Auflösung der Gemeinde Erzweiler vollzog sich in mehreren „Schüben“: Am 17. Februar 1938 wurde die Einbeziehung des Dorfes in den Truppenübungsplatz bekannt gegeben. Die ersten zehn Einwohner wanderten jedoch erst elf Monate später (am 2. Januar 1939) nach Salzgitter aus. Ein paar Wochen darauf folgten ihnen sechs Familien mit 23 Personen. Ende Februar wurde ein großes Aussiedler-Abschiedsfest veranstaltet. Während der Frühlings- und Sommermonate zogen fast alle noch verbliebenen Einwohner fort. Jedoch geriet die planmäßige Entvölkerung infolge des Kriegs­ausbruchs ins Stocken, so dass im Herbst 1939 die Räumung und Ein­ebnung des Ortes vorerst aufgeschoben werden musste.

So überstand ein kleiner Teil der Gemeinde den Zweiten Weltkrieg; 1945 zogen Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten in mehrere leer stehende Häuser ein. Für kurze Zeit blühte Erzweiler nochmals auf und nahm sogar mehrere Jahre an dem Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden" teil. Trümmergrundstücke wurden geräumt und begrünt, viele Blumenkästen aufgestellt und noch manches mehr getan, um das Leben im Ort einer „richtigen“ Gemeinde anzugleichen. Aber dann erging am 27. März 1961 die behördliche Aufforderung zur endgültigen Räumung.

Am 20. Juli 1974 stand in der Baumholderer Zeitung zu lesen: „Die Geschichte der ehemaligen Gemeinde Erzweiler, zuletzt Wohnsiedlung des Gutsbezirks Baumholder, hat sich mit dem Wegzug der Familie Hugo Doll nach Baumholder so gut wie erfüllt. Von den 120 Häusern stehen nur noch wenige. Auch die Mühlen, die zu Erzweiler gehörten, gibt es nicht mehr. Nur drei Personen leben noch dort; 1937 waren es mehr als 600. Bis Ende dieses Jahres werden auch ‚die drei Letzten von Erzweiler’ die Wohnsiedlung verlassen haben. Obwohl kein Druck ausgeübt wird, ist es ihnen doch nahegelegt worden, sich um einen anderen Wohnsitz zu bemühen, damit Erzweiler endlich aus der Liste der bewohnten Stätten gestrichen werden kann.“

Ein uraltes Siedlungsgebiet

Als entscheidende Gesichtspunkte für die Anlage des Truppenübungsplatzes in der Gegend nördlich und östlich von Baumholder wurden immer wieder die Kargheit der Ackerböden und die vermeintliche Rauheit des Klimas angeführt. Aus nebulösen Geschichtstiefen zauberte man sogar das absurde Argument hervor, „dass schon die römischen Legionen der Kaiser Oktavian und Augustus auf dem steinigen Boden des Westrichhöhengebietes ihre Manöver durchführten.“ Hingegen lassen die archäologischen Funde und Befunde im Großraum zwischen Nahe und Glan deutlich erkennen, dass dort zur keltisch-römischen Geschichtsepoche hauptsächlich Ackerbau und Viehzucht im Umfeld mehrerer Großbauernhöfe („villae rusticae“) sowie auch Kunsthandwerk und Handel betrieben wurden. Die heute vom übenden Militär genutzte Römerstraße zwischen Reichenbach und Sien – eine Teilstrecke der großen antiken Magistrale von Metz nach Mainz – diente damals einem stetigen Warentransport und eher selten dem Durchmarsch von Legionen, die während Cäsars Eroberungszügen (58-51 v. Chr.) und des halben Jahrtausends der Römerherrschaft in Gallien an den Mittelrhein vorrückten.

Bei der Unterwerfung Nordgalliens stießen die Römer im Großraum zwischen Maas, Nahe und Mittelrhein auf die hochstehende Kultur der keltischen Treverer. Dieses sowohl für sein edles Kunsthandwerk als auch für die Zucht ausdauernder Pferde dazu mal berühmte Volk bewohnte eine Region, die schon Jahrtausende zuvor erste Sied­ler herbei gelockt hatte. Aus den klimatisch begünstigten Flusstälern stießen sie bis in die mittleren Höhenlagen des Oberen Naheberglandes vor. Früheste Beweisstücke für die Anwesenheit von Menschen zwischen Nahe und Glan sind mehrere altsteinzeitliche Quarzitgeräte aus der Kulturstufe des Moustérien (um 70000 v. Chr.), die beim ehemaligen Oberjeckenbach und dem benachbarten Herren-Sulzbach (im Südosten des Übungsplatzes) aufgelesen wurden.

Eine zwischen dem ehemaligen Zaubach und Mittelreidenbach gefundene Steinaxt mit akkuratem Bohrloch zeigt die charakteristische Form der jungsteinzeitlichen Rössener Kultur (4700 – 4300 v. Chr.). Auch beim ehemaligen Mambächel, am einstigen Wickenhof, bei Weierbach und in der Winterhauch wurden neolithische Steinbeile entdeckt. Vielleicht lag ein Schwer- bzw. Mittelpunkt jener bandkeramischen Periode im Nahetal an den Mündungen von Dickesbach, Reidenbach und Fischbach, zumal im Umkreis noch mindestens ein halbes Dutzend weiterer Steinbeile bis „hinauf“ nach Bergen, Berschweiler, Herrstein und Veitsrodt gefunden wurde. Angesichts dieser Fundhäufigkeit wirkt jene herkömmliche These ziemlich dürftig, die über „schweifende Vorzeitjäger“ spekuliert, denen ihre Steinwerkzeuge bei Kämpfen mit wilden Tieren im „dichten Urwald“ oberhalb der Nahe abhanden gekommen sein könnten...

Immerhin lassen solche prähistorischen Monumente wie der sagenumwobene Menhir „Hunnenstein“ über dem Reidenbachtal sowie ein rätselhafter „Kultstein der Vorzeit“ bei Ilgesheim nebst mehreren um 1900 zerstörten oder vergrabenen Monolithen bei Mambächel durchaus darauf schließen, dass in deren naher Umgebung schon sesshafte Sippen logierten.

Seit der frühen Eisenzeit durchzogen mehrere Handelswege vom Rhein zur Mosel, zur Maas und zur Rhône das Gebiet; einige dieser Strecken wurden in der Römerzeit für den Überlandverkehr mit Lastfuhrwerken und Reisekutschen ausgebaut. Aufgrund zahlreicher Funde ist zu vermuten, dass diese Routen bereits um 1 500 v. Chr. einem regen Warenaustausch mit den westeuropäischen und donauländischen Kulturkreisen dienten. Und während der jüngeren Hunsrück-Eifel-Kultur (ca. 475-250 v. Chr.) pflegten die frühen Treverer sogar direkte Handelskontakte mit Etrurien, die sich besonders im Fundgut der Grabbeigaben widerspiegeln.

Die fast einzigartige „Siener Kanne“

Ungezählte Beigabenfunde aus archäologisch untersuchten Gräbern der Jüngeren Hunsrück-Eifel-Kultur lassen erkennen, dass deren „Hochwald-Nahe-Gruppe“ im Lauf des fünften Jahrhunderts v. Chr. eine besondere Blütezeit erlebte. Hunderte Hügelgräber bei Oberjeckenbach, Sien, Dickesbach, Nahbollenbach, Breungenborn und Ausweiler bezeugen für jene Epoche eine erhebliche Bevölkerungsdichte im Gebiet zwischen Nahe und Glan. Als typische Beigaben fanden sich in manchen Bestattungen der frühkeltischen Adelsschicht kostbare Metallgefäße – vor allem bronzene Schnabelkannen –, die als echte Statussymbole aus dem Land der Etrusker importiert worden waren.

Weil sie einer unterirdisch verlegten Ferngasleitung „im Weg waren“, mussten 1971 im Forstdistrikt „Op Meien“ bei Sien, nur ein paar Steinwürfe vom Rand des Truppenübungsplatzes entfernt, zwei Grabhügel freigelegt werden. Der größere (noch 1,80 m hoch bei 28 m Radius) enthielt ein ehedem zu Füßen des Toten aufgestelltes, in Scherben zerbrochenes keramisches Beigefäß, ein stark korrodiertes Eisenschwert von 81 cm Länge mit Resten der Scheide und zwei anhaftenden Koppelringen sowie die Grifftülle eines gebogenen Eisenmessers. Auch in dem an Umfang und Höhe bescheideneren kleineren Grab (Radius 13 m,  Höhe 1,2 m) war ein Krieger beigesetzt worden, dessen Waffenausrüstung sich auf Bruchteile eines eisernen Koppelringes zum Aufhängen des Schwertes beschränkte. Als Beigefäß stand zu seinen Füßen eine jener Schnabelkannen, die in der Regel von der gesellschaftlich hohen Stellung eines Bestatteten zeugen.

Jedoch bestand dieses „Statusgefäß“ nicht etwa aus Bronze, sondern war aus Ton geformt! Tonkopien etruskischer Bronzekannen mit röhren- oder schnabelförmigem Ausguss sind äußerst selten und wurden bislang nur im italienischen und alpinen Raum gefunden. Für Mitteleuropa gilt mithin die „Siener Kanne“ als weit und breit einzigartiges Fundstück.

Das auf der Töpferscheibe gedrehte Gefäß kann heute im Kreismuseum Birkenfeld bewundert werden. Es besticht durch seine handwerkliche Qualität. Auf die Oberflächenbehandlung wurde besondere Sorgfalt verwendet. Während die äußere Formgebung den bekannten Bronzekannen der Hunsrücker Hochwaldregion ähnelt, weist die Dekoration materialbedingte Vereinfachungen auf. Die Umrisse der in einer dreiblättrigen Hängezier endenden Henkelattasche wurden in den weichen Ton lediglich sacht eingekerbt. Ebenso sind die Randverzierungen des Henkels durch kräftige Strichlinien angedeutet.

Treverer schmausten afrikanische Datteln

Als frühe Ackerbauern der Jungsteinzeit den Landstrich zwischen Nahe und Glan zu erschließen anfingen, lag die Gegend nicht etwa als ein undurchdringliches, menschenfeindliches „Urwaldgebiet“ ausgebreitet. Auf den Hochlagen der Winterhauch wuchsen Birken und Kiefern, im sanfteren Hügelland herrschten Linde, Ahorn und Ulme vor, indes auf den Uferhängen der Bäche lichte Eichenmischwälder grünten. Die vom Starfelsen (563 m) bis zum Hammelkopf (457 m) von steppenartiger Gras- und Gebüschvegetation überzogenen Kuppen waren überwiegend gut zugänglich. Schon seit damals – vor rund 6 000 Jahren – begann sich das Landschaftsbild durch den Eingriff der Menschen zu verändern. Nach und nach setzte sich die Buche als häufigste Baumart durch, indes Linde und Ahorn seltener wurden. Diesen Wandel bewirkten Nährstoffveränderungen im Boden, die vermutlich durch Holzeinschlag und Waldweidenutzung entstanden.

Außer Jagdwild und Wildfrüchten bildeten zunehmend Getreideprodukte die Nahrungsgrundlage der neolithischen Urbevölkerung. Nutzvieh sowie Haustiere wurden gezüchtet und Gartenpflanzen kultiviert. Die wichtigsten Kulturpflanzen waren freilich Dinkel, Einkorn und Emmer. Diese drei Arten gehören zu den Spelzweizen und konnten auch in klimatisch ungünstigen Lagen angebaut werden. Wegen ihrer von Spelzen umschlossenen Körner blieben sie lange lagerfähig und widerstanden selbst bei anhaltend feuchter Witterung der Fäulnis. Dem Einkorn konnte nicht einmal heftigster Schlagregen etwas anhaben. Vor dem Mahlen auf Reibsteinen musste jedoch stets die aufwändige, mühsame Arbeit des Entspelzens vorgenommen werden.

Besonders nachhaltige Veränderungen der Landschaft erfolgten im Lauf der bronze- und eisenzeitlichen Perioden durch die Zunahme offener Wiesenflächen. Seit der „frühkeltischen“ Kulturstufe um ca. 500 v. Chr. sind Sumpfdotterblume und Wiesenmargerite als „Zeigerpflanzen“ für diese Entwicklung nachzuweisen. Brandrodung, Waldweide und die Entnahme von Laubheu aus weichen Blättern waren die dazumal üblichen Nutzungsformen.

Mancherorts ermöglichte landwirtschaftliche Überproduktion sogar schon eine Mitversorgung spezieller Siedlungsschwerpunkte wie etwa der treverischen Keltensiedlung Altburg bei Bundenbach. Der im Rahmen dieser Aufgabe erforderliche Tauschhandel begründete ökonomische Basisstrukturen und bezog auch schon sehr frühzeitig ein staunenswertes Importvolumen mit ein. Oliven aus der Toskana, Weinamphoren von der iberischen Mittelmeerküste, Feigen aus Sizilien und sogar Datteln aus Nordafrika fanden sich bei Ausgrabungen im Nahe-Hunsrückraum und an der Mosel.

Solche südländischen Agrarprodukte tauschten die einheimischen Treverer gegen ihre an mehreren Stellen im oberen Nahebergland gewonnenen und weiterverarbeiteten Metalle ein. Auf diese Weise ermöglichte der schon zur Bronze- und frühen Eisenzeit betriebene Abbau von Kupfer- und Eisenerzen einen beträchtlichen Wirtschaftsaufschwung. „So kann es nicht wundernehmen“, resümierte der Heimatforscher Hugo Klar, „dass sich in der Hallstatt- und Latènezeit eine hochstehende, selbstständige Kulturprovinz entwickelte, deren Mittelpunkt der Hunsrück war, also so etwas wie ein vorgeschichtliches Industriegebiet.“

Quecksilber und Schwerspat wurden abgebaut

Den historischen Bergbau bei Baumholder schilderte im Jahr 1963 Franz van Housen von der Schwerspat-Grube Clarashall bei Ruschberg: „In unserem Gebiet, dem so genannten Westrich, baute man in früheren Jahren auf Quecksilber, Kupfer, Silber und Steinsalz. Der Bergbau im Birkenfelder Land ist uralt und reicht in prähistorische Zeiten zurück. Schon die Kelten betrieben hier Bergbau und eine ausgedehnte, wenn auch für unsere Begriffe primitive Hüttenindustrie.“ Über die Ausbeutung der Bodenschätze in späterer Zeit wurde nichts Näheres bekannt, weil der Bergbau nur in geringem Ausmaß von Landwirten als Nebenerwerb während der Wintermonate betrieben wurde.

„Der Dreißigjährige Krieg brachte jeglichen Bergbau zum Erliegen. Im 18. Jahrhundert wurden viele stillgelegte Bergbaubetriebe wieder in Betrieb genommen, andere neu eröffnet. Es folgte wieder eine kurze Blütezeit für den Bergbau. Technische Schwierigkeiten, vor allem die Wasserhaltung in der Teufe, Absatzmangel und ein zu geringer Metallgehalt zwangen im 19. Jahrhundert den Erzbergbau wieder zum Stillstand.

Die Hauptquecksilbervorkommen lagen in dem Dreieck Baumholder - Frohnhausen - Erzweiler - Rathsweiler. Seit 1560 liegen Nachrichten über das staatliche Quecksilberbergwerk bei Baumholder vor, das zwischen dem nach Frohnhausen ziehenden Weg und der Totenalb liegt. Dieses Gebiet umfasst ungefähr einen Quadratkilometer. Das Grubenfeld scheint lange verlassen gewesen zu sein, bis es von dem Oberjägermeister von Hoffmann und einer Gewerkschaft wieder in Betrieb genommen wurde. 1728 war ein Zechenhaus, die Schmelzhütte, das Rösthaus, ein Wasch- und Pochwerk vorhanden. Starke Wassereinbrüche im Jahre 1738 konnten nicht mehr bewältigt werden und der Betrieb kam zum Stillstand. 1935 ist abermals ein Quecksilberfeld bei Baumholder erneut verliehen worden. Die Untersuchungen ergaben einen derart minimalen Metallgehalt, dass sich ein Abbau nicht mehr lohnte.“

Von ganz besonderer Qualität war der bei Ruschberg abgebaute Schwerspat: ein in Wasser unlösliches Bariumsulfat von höchster Reinheit. Er fand Verwendung bei der Farbenherstellung, als Strahlenschutz in Röntgenkammern sowie in der Papier- und Dachpappenindustrie. Ein erster Abbauvertrag war 1910 mit Grundstückseigentümern der damaligen Gemeinde Aulenbach abgeschlossen worden. Van Housen skizzierte die weitere Entwicklung: „1919/20 wurde auf dem jetzigen Truppenübungsplatz ein 40 m tiefer Förderschacht abgeteuft. Dieser Schacht wurde 1927 um 35 m tiefer gebracht. So entstanden zwei Sohlen, von denen aus man nach oben hin abbaute. Als 1938 der Truppenübungsplatz gebaut wurde, konnte der Förderschacht, der mittlerweile eine Teufe von 105 m erreicht hatte, nicht mehr benutzt werden. Um den Gang wieder zu erreichen, wurde vom Südhang des Feldberges aus ein 1600 m langer Stollen getrieben, der mit dem Schacht durchschlägig wurde. Von dieser Stollensohle, der so genannten 105-m-Sohle, wurde der Abbau nach oben weitergeführt.

Von Kriegsende bis 1947 kam die Grube zum Erliegen. Wegen der Verbindung der Grube Clarashall mit der IG-Farbenindustrie wurde der Betrieb 1947 unter französische Zwangsverwaltung gestellt.“ Seit 1952 betrieben wieder Einheimische die Grube, und nach vielen Anstrengungen und Investitionen durfte sich Franz van Housen elf Jahre später freuen: „Unter den obwaltenden Umständen ist wohl noch mit einer langen Lebensdauer der Grube zu rechnen. Aus diesem Grunde werden die Tagesanlagen umgebaut, und eine neue im Bau befindliche Aufbereitungsanlage und Verladeeinrichtung sichern die Zukunft der Grube. Mit einer derzeitigen Belegschaft von 110 Mann werden monatlich stark 4000 Tonnen gefördert. 50 Prozent der Förderung geht durch Bahntransport zu den Farbwerken nach Frankreich, während 50 Prozent per LKW und Schiffsladung nach Bayer-Leverkusen gehen.“ Doch leider sollte die Zukunft der Grube nicht mal weitere elf Jahre währen: Am 30. Juni 1974 wurde Clarashall für immer geschlossen.

„In früheren Jahren gab es noch drei kleinere Schwerspatgruben im Raume Baumholder, die Gewerkschaft Eder, die ebenfalls zwischen Ruschberg und Baumholder, in einem Seitental bei der Lauersmühle lag, dann eine Grube im Seitental gegenüber dem amerikanischen Kohlenlager; die dritte zwischen Baumholder und Frohnhausen; sie wurde von einer französischen Gesellschaft abgebaut. Andere, kleinere Gruben befanden sich bei Rathsweiler und Erzweiler in der Gemarkung Windfang.“

Schatzfunde und Göttersteine

Die prähistorische Landwirtschaft, der frühgeschichtliche Bergbau sowie der rege Handelsverkehr auf dem Überlandweg zwischen Metz und Mainz hatten schon zur Keltenzeit zahlreiche Ansiedlungen entstehen lassen, von deren einstiger Existenz im Gebiet zwischen Nahe und Glan diverse Bodenfunde zeugen. Auch nach Galliens Eroberung durch die Römer im Jahr 51 v. Chr. bestanden diese Weiler weiter und vergrößerten sich teils zu Straßendörfern (so genannten „vicii“). Es folgte fast ein halbes Jahrtausend der friedlichen Entwicklung im Schutz der „Pax Romana“. Nach dem Untergang des römischen Weltreichs, den verheerenden Wirren der Völkerwanderung und der Landnahme durch die Franken wurden die ersten Ortschaften des frühen Mittelalters meist auf den Trümmern oder in unmittelbarer Nähe von einstigen Siedlungen der keltisch-römischen Epoche gegründet.

Die ehemaligen Gemarkungen von Aulenbach, Ausweiler, Breungenborn, Ilgesheim, Kefersheim und Wickenhof lieferten eine enorme Vielzahl latène- und römerzeitlicher Objekte. 1934 wurde beim Aulenbacher Schulhaus eine „2700 Jahre alte Urne“ freigelegt. In Ausweiler fanden sich zwei „dem Mars und dem Herkules geweihte Altäre“, während Breungenborns frühgeschichtliche Ursprünge ebenfalls durch „Göttersteine“ sowie durch einen Schatzfund antiker Münzen beglaubigt erscheinen. Beim Stenzhorner Hof wurden 1878 in einem Tongefäß mehrere Rollen mit Tausenden römischer Münzen aus der Zeit Kaiser Konstantins des Großen entdeckt (um 320 n. Chr.). Bei Oberjeckenbach kam ein wertvoller Hort mit 1435 antiken Münzen zu Tage. Die Gemarkung von Ilgesheim barg unzählige Keramikfunde. Und Kefersheim war ehedem Standort eines römischen Heiligtums, von dem ein so genannter „Merkuraltar“ zeugte. Überdies gelten die Funde und Befunde aus der vom Idar-Obersteiner Archäologen Paul Geiß erforschten „Heidenkirche“ – einem antiken Landhaus zwischen Ausweiler und Frauenberg – als ein Musterbeispiel für die charakteristische Ausprägung der provinzrömischen Zivilisation im Bergland an der Oberen Nahe.

Wer heute Ausschau über den Truppenübungsplatz hält, wird im Gehügel und auf der gesamten Hochfläche – vom Windfang (420 m) oberhalb der einstigen Dorfstelle Erzweiler bis weit hinüber zur Winterhauch (592 m) – nicht die geringste Spur des Lebens mehr entdecken, das hier von ca. 550 v. Chr. bis 1937 vorherrschte. Denn weder die keltisch-römischen Siedlungen noch die tausend Jahre später auf ihren Relikten erbauten Dörfer noch gar die Überreste der vielen einstigen Bergwerke sind mehr zu erblicken. Die durch bäuerliche Arbeit geprägten Feldfluren verwilderten vollständig, und von den einstigen Wohnorten blieben nur ganz wenige, spärlichste Mauertrümmer übrig. Heute wirkt hier alles so, als seien jene zweieinhalb Jahrtausende überhaupt nicht ins Land gegangen. Nichts davon blieb und erinnert an die einzelnen, ungezählten Schicksale, die sich einst hier begaben und vollendeten. Als hätten in dieser Gegend niemals Menschen gelebt. So erhebt sich auf dem jetzigen Truppenübungsplatz viel ernsthafter als anderswo die bange Frage nach dem Sinn oder der Vergeblichkeit jeglicher Zivilisation und Geschichte. Ganz zu schweigen von der offenbar unerheblichen Wesentlichkeit fast jeder individuellen Existenz...

Karger Wald und herbe Scholle

Nach dem Ende der Römerzeit lag die Gegend zwischen Nahe und Glan mehrere Jahrhunderte im sinnbildlichen „Dunkel der Geschichte“ versunken. Immerhin ist zu vermuten, dass ein kleiner Teil der alteingesessenen Keltoromanen die mörderischen Verwüstungen der Völkerwanderung überstanden hatte und sich späterhin zwangsläufig mit den ins Land drängenden Alamannen und Franken arrangieren musste. Dass dann im weiteren Geschichtsverlauf – vor allem während des achten und neunten Jahrhunderts – viele Siedlungen neu- bzw. wieder gegründet wurden, möchten Ortsnamenforscher aus den für das frühe Mittelalter typischen Namensendungen auf -heim und -bach schließen. Hingegen sind die Endungen auf -weiler noch vom lateinischen „villa“ hergeleitet, indes die Namen mit -hausen, -born und -berg an die erste Phase der fränkischen Landnahme (4.-7. Jh.) erinnern.

Der Heimatforscher Albert Zink vermutete allerdings, die aus Rheinhessen dem Lauf der Nahe aufwärts folgenden Franken seien zunächst nur bis Kirn vorgedrungen: „Erst in karolingischer Zeit, da die besten Wohnplätze vergeben waren, fanden die Menschen den Weg in den Wald auf der Glan-Nahe-Wasserscheide, um sich dort feste Häuser zu bauen. Zuerst drang die Mainzer Kirche in dieses Waldland ein. Erzbischof Willigis ließ um 976 darin roden und zu Kirchenbollenbach ein Gotteshaus erbauen. In diese Zeit ist jedenfalls auch die Gründung des Dorfes Breungenborn zu verlegen, so dass der Ort, da er jetzt (1938) zu bestehen aufgehört hat, sich ein Jahrtausend lang behaupten konnte. Im 13. Jahrhundert gehörte Breungenborn zu dem so genannten Hochgericht auf der Heide, einer alten fränkischen Hundertschaft, die zwischen dem Glan, der Nahe und der Winterhauch lag. Der örtliche Mittelpunkt dieses Bezirks war Sien, die oberste Gewalt lag bei den Wildgrafen von Dhaun und Kyrburg, denen das Hochgericht als unteilbares Lehen verliehen war.“

Überhaupt kann Breungenborn als beispielhaft für die historische Entwicklung auch der anderen Dörfer gelten, die bei der Anlage des Truppenübungsplatzes Baumholder geräumt werden mussten. Denn „in der späteren Zeit“, schreibt Albert Zink, „ist das Schicksal Breungenborns eng mit dem der Winterhauch verbunden, um die verschiedene Herrschaften Jahrhunderte lang erbittert stritten. Die Herren von Oberstein, deren Besitz von sponheimischem, wildgräflichem und zweibrückischem Besitz umgeben war, suchten ihr Land immer mehr zu vergrößern und abzurunden. 1418 erwarben sie Breungenborn, nachdem sie seit dem 14. Jahrhundert in die Winterhauch eingedrungen waren und darin die Hoheitsrechte unter dem Schutz des Herzogtums Lothringen ausübten.

Die Abhängigkeit von Lothringen hatte seit Anfang des 16. Jahrhunderts langwierige Kämpfe und Prozesse um den Besitz der Winterhauch zur Folge, die erst 1667 durch einen Vergleich beendet waren, im 18. Jahrhundert aber wieder aufflackerten und von Frankreich genährt wurden, als die Herren von Roussillon, die Inhaber der Herrschaft Werdenstein bei Hoppstädten, Anspruch auf die Winterhauch erhoben. Diese Streitigkeiten haben zwar den Ort Breungenborn nicht unmittelbar berührt. Er war aber trotzdem an dem Schicksal der Winterhauch interessiert, weil den Breungenbornern als obersteinischen Untertanen bis in das 18. Jahrhundert hinein Bau- und Brennholz aus dem Waldbesitz zustand.

In der französischen Revolutionszeit wurde die Winterhauch französisches Nationaleigentum und geriet schließlich in Privathände, eine Entwicklung, die nicht nur für Oberstein, sondern auch für Breungenborn von nicht geringer Bedeutung war.

Mit dem Einbruch der Franzosen änderten sich auch die politischen Verhältnisse. Bis 1814 dauerte ihre Herrschaft. Der Wiener Kongress sprach Breungenborn mit den Orten des früheren Kreises St. Wendel als Fürstentum Lichtenberg dem Herzog von Sachsen-Coburg zu. 1834 ging der Ort in dem größeren aufstrebenden Preußen auf, mit dem er rund 100 Jahre lang verbunden war.“ Mit diesem geschichtlichen Entwicklungsgang kann Breungenborn, genauso wie die meisten Westrichdörfer, als ein charakteristisches Beispiel für die allmähliche Entstehung und das groteske Puzzlebild der ehedem „typisch teutschen“ Kleinstaaterei gelten.

In der Tat mutet die historische Landkarte der gesamten Region wie der sprichwörtliche “politische Flickenteppich“ an. Überdies gab es weit umher kaum eine Ortschaft, worin nicht mehrere auswärtige Herrschaften die unterschiedlichsten Eigentumsrechte an Leibeigenen, Vieh, Feldfrüchten und Waldnutzung sowie an Grund und Boden geltend machten. Trotz kargen Waldes und herber Scholle – wie es dazumal in Klage- und Bittbriefen hieß – gewährte der Landadel nirgends Pardon, wenn es um Zehnt oder Frondienst ging.

Bodenständige Diener des Herrn

Manche Forscher werden nicht müde, die herausragende Rolle der Kirche während des mittelalterlichen Werdegangs der Zivilisation in den Siedlungen zwischen Nahe und Glan zu preisen. So hebt Philipp Heinrich Baldes in seiner 1923 erschienenen „Geschichtlichen Heimatkunde der Birkenfelder Landschaft“ die bedeutsame Festigung „sittlicher Bande“ durch edelmütige Gottesmänner hervor. Denn hätten zu Beginn des Mittelalters nicht fromme Glaubensboten die spätantike christlich-römische Kultur in ihre geistliche Obhut und treue Pflege genommen, dann wäre Baldes’ Ansicht zufolge der gesamte linksrheinische Großraum einer „germanischen Rohkultur“ anheimgefallen. „So aber bewahrte vor allem die christliche Kirche die Reste der alten Bildung und Kultur.“ Den fränkischen Königen kam solche Unterstützung äußerst gelegen, diente sie doch allemal einer ethischen Untermauerung ihrer mit dem Schwert erfochtenen Vormachtstellung.

So ergossen sich im frühen Mittelalter „die ersten Strahlen der wiedererwachten christlich-römischen Kultur über unsere Heimat und fachten die fast erloschene, aber noch unter der Oberfläche glimmende Asche zu neuem Feuer an. Aber nicht mehr selbstsüchtige Eroberer, sondern mildgesinnte Diener Christi und deutschsprechende Mannen der fränkischen Könige waren nunmehr die Träger der höheren Gesittung, Bildung und Kultur, die, wenn sie es nicht (bereits) waren, doch bodenständig zu werden den Willen hatten. Erst in diesen fränkischen Jahrhunderten ist unsere Gegend völlig deutsches Land geworden, indem die den größten Teil derselben bewohnende keltoromanische Bevölkerung vom Deutschtum aufgesaugt wurde“ (Baldes).

Ein seltsames Relief, das beim Abbruch der Wieselbacher Kirche geborgen werden konnte, erinnert an Frömmigkeit und Kirchentreue der mittelalterlichen Bevölkerung. Die wohl aus dem 13. Jahrhundert stammende Arbeit zeigt Christus als Weltenrichter. Angeblich sollen andere Gotteshäuser in den erloschenen Dörfern noch ältere Steinbildwerke besessen haben, die jedoch spurlos verschwunden sind. Wer die vielen römerzeitlichen Reliefs der Kirchtürme von Münchweiler, Ulmet, St. Julian, Offenbach-Hundheim, Medard und Breitenheim am nahen Glan betrachtet, kann sich in etwa vorstellen, welcher Art jene unerkannten Kunstschätze waren, die beim Abriss der Übungsplatzdörfer vernichtet wurden.

Der Prophet aus Grünbach

Bereits Johannes Lichtenberger (um 1440-1503), der im benachbarten Grünbach aufwuchs, hat den „wägenden Herrgott von Wieselbach“ an der dortigen Kirchenwand bewundern können. Als "Johannes Grunbach alias Liechtenberger" und "Johannes Grunenbach von Beymoldern, Astronomus genannt" bezeichnen alte Schriften diesen charismatischen Mann, dem eine denkwürdige Karriere glückte: Als Hofastrologe Kaiser Fried­richs III. war er im ganzen christlichen Abendland für seine präzisen Vorhersagen berühmt.

Eine schillernde Persönlichkeit, die ihren theologischen Fundamentalismus ideal und optimal mit okkulten Themen zu verknüpfen wusste. Seine wissenschaftliche Ausbildung erhielt Lichtenberger wohl in Trier, Speyer und Heidelberg. Lange Zeit lebte er auch in Mainz, bevor ihm schließlich die Dorfpfarrei in Niederbrombach zugewiesen wurde. 1468 wurde er durch die „Deutung“ eines Himmelsphänomens schlagartig berühmt: Er beschrieb einen lange Zeit sichtbaren Kometen und stellte verwegene Theorien über dessen vermeintliche Auswirkungen auf das irdische Leben und insbesondere die Politik auf. 1474 beeindruckte er mit seiner astrologischen Abhandlung "Coniunctio Saturni et Martis" den Kaiser so sehr und nachhaltig, dass dieser ihm den wohllautenden Titel "astrorum index sacri imperii" verlieh.

Der Chronist Walter Haarbeck fasste die Wirkungsgeschichte des kaiserlichen Sterndeuters zusammen: "Mit klarem Blick sah er die Verwirrung in Kirche und Reich. Berühmt wurde er durch seine Prophezeiungen, die er seit 1465 ausgehen ließ, dass nach schweren Trübsalen, welche vor allem die Geistlichen und die weltliche Obrigkeit treffen würden, bessere Zeiten kommen würden. Er verlangt, dass alles Gesetz und Recht aus der Schrift, d.h. aus dem Evangelium, abgeleitet werde, und sagt, zu allen Gesetzen sei die Bewilligung des Volkes notwendig.“

Nach etlichen fehlgeschlagenen Prophezeiungen und zunehmenden Anfeindungen zog sich Johannes Lichtenberger 1480 nach Niederbrombach zurück. Gleichwohl führte er noch viele Jahre seinen Titel des "astrologus imperialis". Denn auch als biederer Ortspfarrer "in den Wäldern" schwor er seiner Astrologie nicht ab, sondern setzte das mystische Sternedeuten bis an sein Lebensende fort.

Melancholische Ausblicke vom Windfang zur Winterhauch

Um 1925 fand der Baumholderer Dr. Oskar Oppenheimer schöne und elegische Worte zu einer Beschreibung seiner Heimat: „Unsere Landschaft ist keine grandiose und keine heroische, die den Menschen packt und in Bewunderung zu ihrer Höhe empor reißt, um ihn dann wieder rau auf sein armseliges Bündel Menschentum zurück zu schleudern. Nichts hat sie mehr von ihrer ältesten Vergangenheit, von jener Urlandschaft, vor deren Gefahren und Drohungen der Mensch sich fürchtete und sich schützen musste, mit der täglich im Kampf zu liegen den Inhalt seines Lebens ausmachte.

Kühner Vorsprung, langsamer Abstieg, Hänge, die sich in scheinbarer Ruhe mächtig breiten, um dann doch seitlich von Bergen geschnitten und in den allgemeinen Rhythmus gezogen zu werden, Höhen, die im Dreiklang der gleichen Bewegung sich gegen den Himmel zeichnen, Hügel, die zunächst ineinander parallel laufen und dann sich verlieren oder ineinander verschließen, kühne und seltsame Überschneidungen, ganze Ketten kleiner Bewegungen in einer Anhöhe, was an lang aushebender und kurz absetzender Bewegung, an Verschiebungen und Überschneidungen möglich ist, bietet unsere Natur.

Die Straßen, weithin sichtbar, sind wie der Taktstock des Dirigenten, der die Musik anfeuert und beschwingt. Sie steigen in mächtigem Anhieb, verschnaufen trödelnd auf der Höhe, um bald wieder zu stürzen oder zu steigen oder auch einmal langsamer die Höhe hinauf zu schwingen. Die Wälder sind wie Striche unter Worten, die man besonders herausheben möchte, sie betonen die Höhen und lassen ihren Umriss in der dunkleren Färbung mächtiger heraustreten. In kleinen Parzellen über die ganze Flur zerstreut, erhöhen sie den Eindruck der Mannigfaltigkeit. Und die Täler! Hat man bemerkt, dass wir eigentlich fast keine richtigen Täler haben? Täler mit Eigenbedeutung wenigstens. Unsere Täler sind schmal und nur Unterbrechungen zwischen den Bergen. Übergänge von einem zum anderen.

Warum wir diese Landschaft so lieben? Ich denke nicht nur, weil wir darin geboren sind und weil wir durch sie mit die stärksten Eindrücke unserer bildsamen Jugend empfangen haben. Ich kenne Landschaften, aus denen ich mich wegwünschte, auch wenn ich darin geboren wäre. Diese aber entspricht vielem in unserem Innern.

Gehen wir etwa von Baumholder den Kuseler Stich hinauf und schauen uns auf halber Höhe um, so haben wir einen Anblick von mächtiger Geschlossenheit vor uns. Von dem Tal, durch das unser Bähnchen herauskommt, bis Albenkleeb ist alles Gehügel und Gebirge, der reiche Wechsel von Ackerland, Wiese und Wald in eine große Ordnung eingereiht, einen großen Umriss, dem alle Fülle als Teil dünkt, davor wie vor einer mächtigen Kulisse unser Städtchen, das den Zug der Bewegung leise mitnimmt. Vor solchem Bilde gehen uns Sinn und Kern der Seele dieser Landschaft mit aller Gewalt und in aller Schönheit auf.“

Fast unmerklich verstrich die Zeit

Die 1936 bis 1938 aufgenommenen Erinnerungsfotos aus den Ortschaften, Weilern, Gehöften und Mühlen auf dem Areal des nachmaligen Truppenübungsplatzes Baumholder spiegeln eine merkwürdig anrührende Atmosphäre. So manches dieser schönen Bilder scheint den landestypischen Begriff vom „Geheischnis“ zu illustrieren. Und viele Details wirken wie Momentaufnahmen aus einer geradezu archaischen, beinahe noch dem Mittelalter verhafteten Vergangenheit. Zugleich verströmen sie anheimelnde Eindrücke einer selbstvergessenen Zeitlosigkeit.

Beim Nachsinnen über diese fotografisch dokumentierte Ambivalenz des scheinbar Altvertrauten und gleichwohl Befremdlichen stellt sich aber auch die Frage nach der trügerischen Realität traditionsgebundener Heimatgefühle. Denn die in den einzelnen Chroniken – von Ausweiler bis Zaubach – abgebildeten Dörfer, Gehöfte und Mühlenanwesen gibt es ja schon längst nicht mehr. Nur überwucherte Mauerreste an Bachläufen und in Gehölzen des militärischen Sperrgebiets – das ist alles, was von einer zweieinhalb Jahrtausende umfassenden Siedlungs- und Kulturgeschichte übrig geblieben ist...  Alle Spuren einstigen Lebens wurden getilgt; zugleich erlosch damit die Abfolge ungezählter Sippen, Familien und Individuen. Nichts erinnert mehr ans Werden und Vergehen der einstigen Dorfgemeinschaften. Nichts lässt mehr die Pläne, Hoffnungen oder Enttäuschungen jener genügsamen Landbevölkerung erahnen. Und nichts berichtet mehr vom Ehrgeiz, vom beharrlichen Bemühen oder dem hochgemuten Wohlbehagen der Altvorderen.

Die in den Erinnerungsbüchern wiedergegebenen Fotografien von malerischen Bauernhäusern, Scheunen, Hofplätzen, Dorfschulen, Gastwirtschaften, Brunnensäulen und Kriegerdenkmälern muten auf den ersten Blick wie romantische Kulissen für einen Historienfilm an. Sogar die kubisch aufgetürmten Misthaufen vor fast jedem Gehöft erweisen sich als Paradestücke des bauernstolzen Selbstbewusstseins. Mancherorts wirkt es nicht anders, als sei hier eigens für den Fotografen aufgeräumt, die Straße gefegt und Sonntagskleidung angelegt worden. Etliche Motive wirken aber auch wie zufällige Schnappschüsse; erst auf den zweiten Blick ist ihnen abzuspüren, dass die anscheinend willkürlich im dörflichen Interieur platzierten Personen einer absichtsvollen Regie folgten. Hier und da suggerieren die geschickt arrangierten Menschengruppen so etwas wie einen durchaus repräsentativen Teilaspekt aus dem globalen Drama der Menschheitsgeschichte. 

All jene einzigartigen Bilder wurden eigens für die Dorfchroniken der auszusiedelnden Gemeinden von dem Karlsruher Fotografen Dr. Wilhelm Burger aufgenommen, der in einer eigenen „graphischen Kunstanstalt“ auch die druck- und bindetechnische Fertigung der Bildbände realisieren ließ. In seinen späten Lebensjahren erzählte er immer wieder gern von diesem Auftrag, der ihn zwei Sommer lang intensiv beschäftigt und emotional gefesselt habe.

Ein Veterinär wird Fotograf

Lesetipp

Georg Etscheit
Geopferte Landschaften

Wie die Energiewende
unsere Umwelt zerstört

Dr. Wilhelm Burger (1891-1990) hatte Tiermedizin studiert und wurde nach dem Abschluss seiner Ausbildung sofort zum Militärdienst eingezogen. Als junger Veterinäroffizier kam er während des Ersten Weltkriegs zum Einsatz hinter den Fronten in Kurland (Ostpreußen) und Galizien sowie in Lothringen und der Picardie. Schon damals begann er zu fotografieren und schuf ein hoch interessantes Werk mit rund 500 Stereofotos von den verschiedenen Kriegsschauplätzen. Sowohl Burgers einfühlsame Gruppenporträts von Waldbauern der Karpaten und galizischen Zigeunerfamilien als auch viele Abbildungen zerstörter Kirchen Nordfrankreichs spiegeln seine wachsende innerliche Distanz zu dem kriegerischen Geschehen umher.

Die ersten englischen Panzerfahrzeuge im Jahr 1917 an der Marne, die abgeschossenen Doppeldecker mehrerer Nationalitäten und die provisorisch mit Birkenkreuzen geschmückten Soldatenfriedhöfe am Ostrand der Argonnen illustrieren „den heroischen Irrsinn und Aberwitz“ jener katastrophalen Geschichtsphase. Besonders eindrucksvoll dokumentieren Burgers Bilder auch den Rückzug der deutschen Feldartillerie entlang der oberen Mosel bis zur Flussüberquerung mit Pontons bei Brauneberg und Mülheim. Von dort ging es dann in den Hunsrück hinauf; über Gonzerath, Wahlenau und Büchenbeuren bis hinüber nach Kirchberg. Eindringlicher als jede noch so dramatische Beschreibung legen diese Fotos ein deutliches Zeugnis ab von der düsteren Befindlichkeit einer mit völliger Hoffnungslosigkeit geschlagenen bzw. gestraften Truppe.

Nach Kriegsende ließ den jungen Veterinär seine Begeisterung für die Fotografie nicht mehr los. Den überwiegend melancholischen Foto-Impressionen der Schlachtfelder folgten jetzt ungleich fröhlichere Aufnahmen. Bei Verwandtenbesuchen in Niederwörresbach und Breitenthal entstanden während der zwanziger Jahre viele Bildmotive mit allerlei bemerkenswerten Ansichten dieser Dörfer und ihrer Einwohner.

Der notorische Junggeselle Willi Burger kam stets mit bescheidenen Geldmitteln aus; was aus seinen Erlösen beim Bilderverkauf übrig blieb, investierte er unverzüglich in die technische Verbesserung der fotografischen Ausrüstung. Um 1930, als das Fotografieren noch nicht zu einem allgemeinen „Volkssport“ gediehen war, veräußerte er viele fein bearbeitete und hübsch gerahmte Bilder an begüterte Familien in Idar-Oberstein und Kirn. Vermutlich erging aus diesen Kreisen auch die entscheidende Anregung oder Fürsprache, die ihm 1936 den lukrativen Auftrag zur Gestaltung der Ortschroniken bescherte.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg und bis Ende der fünfziger Jahre war Dr. Burger noch jeden Sommer für zwei oder drei Wochen mit seinen optischen Aufnahmeapparaten in der Nahe-, Hunsrück- und Westrichgegend unterwegs. Modernere Kameras und farbige Umkehrfilme ermöglichten ihm jetzt eine fortschrittlichere Präsentation der Bildmotive. Und so konnte er während der Wintermonate in vielen örtlichen Volksbildungswerken und diversen Dorfschulen zwischen Bacharach, Worms, Sankt Wendel und Trier seinen beliebten Diavortrag (in zwei Teilen) zeigen: „Das Nahetal von der Quelle zur Mündung“. Jahr für Jahr kamen neue Fotos nebst weiteren heimatkundlichen Erkenntnissen hinzu...

Die Kamera im Seitenwagen

Seine seit Frühjahr 1936 unternommenen fotografischen Exkursionen in die Dörfer zwischen Baumholder und Sien plante Dr. Wilhelm Burger mit höchstmöglicher Akribie. Während erster Orientierungsfahrten und Antrittsbesuchen bei den einzelnen Ortsbürgermeistern wurden Aufnahmetermine vereinbart, die lediglich bei äußerst schlechten Wetterlagen verschoben werden mussten. Der Fotograf war mit einem Motorrad unterwegs; die unhandliche Ausrüstung hatte er im Seitenwagen verstaut. Auf mehreren Aufnahmen ist dieses markante Gespann am Straßenrand geparkt zu sehen. Dr. Burger fotografierte mit einer mittel- und einer großformatigen Plattenka­mera; beide Geräte werden heute von einem einheimischen Sammler gepflegt und in Ehren gehalten. Die Negative übergab er um 1980 der rheinland-pfälzischen Landesbildstelle (heute: Landesmedienzentrum), aus deren Beständen auch die hier wiedergegebenen Burger-Motive stammen. Weitere Aufnahmen – sowohl die erwähnten Stereobilder von 1914-18 als auch die seit 1948 entstandenen Diaserien aus dem Nahetal – befinden sich im Archiv des Autors.

In den Orten bei Baumholder war es 1936 anfangs ein häufiges Problem, dass die Einwohner glaubten, sich aus Anlass des Fototermins „in Schale schmeißen“ zu müssen. Langwierige Gespräche und zähes Überreden waren nötig, um die dadurch unweigerlich entstehenden Steifheiten abzustreifen. Im Lauf weniger Wochen entwickelte sich Willy Burger zu einem geschickten Regisseur. Schmunzelnd erzählte er später von seinen psychologischen Tricks, durch die er Bürgermeister, Lehrer und Pfarrer zu Regiegehilfen machte, ohne dass die Betroffenen überhaupt merkten, welche „hinterlistige“ Rolle ihnen damit zugedacht und übertragen worden war. Auf zahlreichen Bildern sind bis zu 50 Personen zu zählen, die in mehr oder minder ungezwungener Haltung an den bildgestalterisch wichtigsten Punkten posieren. Mal sind es ganze Schulklassen, die eine Dorfstraße bevölkern; mal ein Hufschmied mit seinen Gehilfen, mal gemischte Gruppen von heimkehrenden Feldarbeitern und mitunter auch mal eine halbe Dorfgemeinschaft, die mit gespielter Neugier den Bekanntmachungen des Büttels mit der Dorfschelle lauscht. Aber auch ansehnliche Landschaftsaufnahmen der heutigen Truppenübungsplatz-Region finden sich in Burgers Sammlung; teils stehen oder gehen als „belebende Vordergrundelemente“ Kinder, Schäfer und/oder Fuhrwerke vor der Naturkulisse einher.

Das fotografische Vermächtnis des „Kradfahrers mit der Kamera“ ist als unvergleichliches Denk- und Mahnmal der verlorenen Heimat auf dem Truppenübungsplatz zu betrachten. Es dokumentiert eine unwiederbringlich entschwundene ländliche Welt, deren Bildmotive beispielhaft für das kulturelle Erbe von Land und Leuten stehen darf, wie es anderwärts längst radikal durch die Veränderungen und „modernen Errungenschaften“ der letzten Jahrzehnte verdrängt worden ist. Auf Burgers Bildern künden lediglich Leitungsmasten der Stromversorgung die technischen „Segnungen“ der jüngeren Vergangenheit an. 

Ein Albtraum wurde Wirklichkeit

Das rhetorische Prinzip der markigen, vereinfachenden und die Wirklichkeit absichtsvoll umdeutenden Worte, wie es der Propagandaminister Dr. Joseph Goebbels seit 1933 unablässig praktizierte, sorgte seinerzeit auch in den idyllischen Westrichdörfern zwischen Baumholder, Weierbach und Lauterecken für einiges Aufsehen, etwas Unruhe und nur gelegentliches Aufbegehren. Annette Conradt, die sich in einem aufschlussreichen Beitrag für den Birkenfelder Heimatkalender 1988 mit der Schaffung des Truppenübungsplatzes beschäftigte, befand über die damalige Grundhaltung der Bevölkerung in und um Baumholder, die Reaktion sei „durchweg passiver, um nicht zu sagen skeptischer Natur“ gewesen.

Sie verwies auch darauf, dass offenbar den Aktivitäten ehemaliger Frontkämpfer eine ausschlaggebende Vorbedeutung für die Wahl des Übungsplatzgeländes zugekommen war. Seit 1936 forderten Deutschlands strategische Planer generell eine „Richtgröße“ von 10 000 Hektar für neu zu schaffende Truppenübungsplätze. Als das in Wiesbaden ansässige Generalkommando XII im Westen des Deutschen Reiches nach einem von der Reliefstruktur her für militärische Übungen geeigneten Gelände suchte, war zunächst noch vor Baumholder die Gegend um Meisenheim im Gespräch. Annette Conradt konstatierte: „Die Wahl Baumholders ist auf zwei Umstände zurückzuführen: einmal den Einspruch des ‚Reichsnährstands’, der die größere landwirtschaftliche Bedeutung des Meisenheimer Raums nachweisen konnte, und zum zweiten ein Gutachten des Stahlhelm-Kreisführers Walter Henn aus Oberstein, dessen Organisation aus ehemaligen Frontkämpfern das Gebiet in der Umgebung der Frohnhausener Heide bereits seit längerem für eigene Übungen nutzte.

Dieses Gutachten erregte das Interesse des Reichskriegsministeriums in Berlin, und nach einer Geländebesichtigung des Oberbefehlshabers der Wehrmacht (General von Fritsch) waren die Weichen praktisch schon gestellt, ohne dass den Einwänden des damaligen Baumholderer Landrats Hövermann größere Beachtung geschenkt worden wäre. Gegenüber der Tatsache, dass die Einrichtung des Truppenübungsplatzes wirklich ein wenig ertragreiches und nur schwer bebaubares Gebiet betreffen würde, erschien den Planern die kulturhistorische Bedeutung dieser Gegend als keltisch-römischer Siedlungsraum zweitrangig.“

Ebenso wenig fiel bei der am 31. März 1937 von Adolf Hitler persönlich unterschriebenen Anordnung über die Einrichtung des Truppenübungsplatzes Baumholder ins Gewicht, dass immerhin 842 Familien mit 4 060 Einwohnern in14 Ortschaften und ebenso vielen Einzelgehöften von den Umsiedlungsmaßnahmen betroffen werden sollten. Dies dies zumal durch einen Staat, der doch stets die „Verbundenheit mit der Scholle“ unter dem volkstümlichen Begriffspaar von „Blut und Boden“ propagierte.

Die Einrichtung des Truppenübungsplatzes unter der Federführung und baulichen Leitung durch das 1936 geschaffene Heeresneubauamt Baumholder ging dermaßen zügig voran, dass bereits im Herbst 1937 die ersten Grenzlandregimenter dort ihre Manöver abhalten konnten. Nicht minder rasch veränderte auch das dörfliche Baumholder sein Aussehen und die althergebrachte Siedlungsstruktur: „Links der Alleestraße wurde mit dem Bau eines Arbeitslagers und einer Infanteriekaserne begonnen. Wenig später erfolgte der Bau des Artillerielagers entlang der Obersteiner Straße und die Erstellung von Offiziers- und Mannschaftsgebäuden in der Nähe des Kurhauses Bier, das als Kasino genutzt wurde. Am Bahnhof wurden außer einem Verwaltungsgebäude auch Verladerampen, Gleisanlagen sowie ein Panzer- und Maschinengewehrlager errichtet. Die Kommandantur erhielt einen Neubau auf dem Truppenübungsplatz in der Nähe des Wilhelmswaldes.“

Im Verlauf der rapiden Umgestaltung verlagerte sich zugleich das Wirtschaftsleben Baumholders immer stärker vom landwirtschaftlichen auf den gewerblichen Sektor. Die Bauarbeiten belebten die regionale Konjunktur in einem nie zuvor geahnten Ausmaß. Bereits 1938 waren rund 6000 Personen mehr oder minder unmittelbar mit dem Aus- und Aufbau Baumholders als Militärstandort beschäftigt. Allerdings konnten sich einheimische Betriebe nur in verhältnismäßig geringem Umfang an dem riesigen Bauboom beteiligen, weil sie keine ähnlich kostengünstigen Angebote wie die auswärtigen Großbaufirmen hatten vorlegen können.

Die Entschädigungsmittel gingen verloren

Zu Beginn seiner Einrichtung stand die endgültige Ausdehnung des Truppenübungsplatzes noch längst nicht fest. Es dauerte einige Zeit, bis es zu tiefgreifenden Änderungen in der Raumstruktur kam. Allerdings war bereits 1937 klar, dass in den betroffenen Gemeinden eine ordnungsgemäße Selbstverwaltung nicht mehr stattfinden konnte. Deshalb erließ der Oberpräsident der Rheinprovinz am 17.10.1939 eine Anordnung über die Bildung des „Heeresgutsbezirks Baumholder“. Und anschließend – bis 1942 – erfolgte Zug um Zug die Auflösung bzw. Einbeziehung der Gemeindebänne von Aulenbach, Ausweiler, Breungenborn, Erzweiler, Frohnhausen, Grünbach, Mambächel, Kefersheim, Wickenhof und Wieselbach. Damit gingen diese Siedlungen definitiv ins Eigentum des Deutschen Reiches über. Das Finanz- und Verwaltungsvermögen der aufgelösten Gemeinden sollte an den Kreis ausbezahlt werden. Tatsächlich kam es jedoch nur zur Auszahlung von 500 000 Reichsmark aus einer Gesamtsumme von 2 132 062 Reichsmark. Und schließlich brachte es die Währungsreform zuwege, dass diese Gelder wert- und gegenstandslos wurden...

Ähnlich erging es den Randgemeinden rings um den entstehenden Truppenübungsplatz: Sie verloren insgesamt 1 200 Hektar Privatländereien und 1 500 Hektar Gemeindebesitz. Mehrere Orte büßten damit ihren gesamten Waldbestand ein. Den Bauern der unmittelbar betroffenen Gemeinden hatte man zwar eine gerechte Entschädigung und eine angemessene neue Siedlerstelle zugesichert. Doch auch in dieser Hinsicht sollte es für viele Betroffene alsbald gänzlich anders kommen.

„Zwar gab es in materieller Hinsicht nur wenig Unzufriedenheit“, schrieb Annette Conradt, „höchstens etwas Neid auf den Nachbarn, der bei der Entschädigung etwas besser wegkam. Aber die alten Dorfgemeinschaften wurden beinahe restlos zerstört, weil die von der Reichsumsiedlungsgesellschaft (‚RUGes’) angebotenen Siedlerstellen nur zu einem Drittel in der Umgebung Baumholders lagen. Die übrigen befanden sich im rheinischen Ried, in Mecklenburg, in der Magdeburger Börde und in der Hessenaue. Die ‚RUGes’ hatte außerdem Anweisung erhalten, pro Familie nur eine Siedlerstelle anzubieten, so dass es für die Betroffenen praktisch keine Alternative gab. Was es für Menschen der damaligen, weniger ‚mobilen’ Zeit bedeutete, Hunderte von Kilometern von der Gegend entfernt zu sein, die man seit jeher als ‚Heimat’ betrachtet hatte, lässt sich in heutiger Zeit natürlich nur noch schwer nachvollziehen. Die Aufforderung, die Häuser vor dem Verlassen so zu säubern, ‚als ob wieder jemand einziehen würde’ (Aussage eines Betroffenen), erweckte in vielen die Hoffnung, dass sie – nach Beendigung des Krieges – vielleicht  wieder in ihre alten Dörfer zurückkehren könnten. Sie erfüllten sich nicht.“

Salbungsvoll verklausuliert

Mit Pomp und Pathos wurde am 2. April 1939 die offizielle Einweihung des Ehrenmals von Erzweiler vollzogen. Dorthin waren auch alle Denkmäler für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Einwohner der aufgelösten Ortschaften verbracht und in einem wirkungsvoll arrangierten Bogen neu aufgestellt worden. Noch heute ist der so genannte „Ehrenhain“ seitlich der Straße von Baumholder nach Niederalben ein besonderer Ort zum Nachsinnen über das Geschehen und die schwerwiegenden Folgen der Entwicklung jener Jahre.

Der zum kommissarischen Landrat des Kreises Birkenfeld-Baumholder avancierte NSDAP-Kreisleiter Herbert Wild fand salbungsvolle Worte, mit denen er diplomatisch gewieft das Schicksal der aus- bzw. umgesiedelten Einheimischen verklausulierte: „Das deutsche Volk ist nicht zu denken ohne sein uraltes Siedlungsgebiet, seine Heimat, in der die Wurzeln seiner Kraft und Kultur geheimnisvoll verankert liegen, mag diese Heimat noch so herb sein und karg an den Schönheiten und Reichtümern dieser Erde. Wo Teile vom Volk in geschichtlicher Zeit in die gleißende Ferne zogen, wurden sie entwurzelt, verloren ihre Eigenart und waren nur noch Kultur- und Kraftdünger fremder Völker, meist zum Schaden der einstigen Heimat.

Es ist ein gesunder und zäher Menschenschlag auf den Höhen zwischen Nahe und Glan, gesund an Leib und Seele. Sie hängen an ihren Heimstätten, Wäldern und Fluren mit allen Fasern ihres Herzens. Kein Wunder, dass in den kaum überwundenen Jahren des politischen und wirtschaftlichen Niedergangs sie sich mit aufgeschlossenem Sinn um das Schicksal der engeren sowohl wie weiteren Heimat sorgten und darum unter den ersten waren in unserm Gau, welche die Freiheitsbotschaft des Führers begriffen, aufnahmen und durch die Tat zeugend dafür eintraten. Unvergessen soll das sein.

Wenn diese Menschen nun von Haus und Hof weichen und ihre Dörfer leerstehn lassen, dann weder aus Übermut noch aus drängender Not. Höhere Gesichtspunkte der nationalen Landesverteidigung zwingen dazu, weite Räume als Übungsplätze für die Wehrmacht bereitzustellen, damit die Soldaten ihr Handwerk so gründlich erlernen und erproben können, dass im Ernstfall kostbarstes Blut möglichst erspart wird. Wenn die Wahl zu einem solchen Übungsplatz nach langen und reiflichen Überlegungen auf die Gegend bei Baumholder gefallen ist, und nun etwa ein Dutzend der politisch besten Dörfer geräumt werden müssen, dann ist das für die betroffenen Volksgenossen und Volksgenossinnen hart und schmerzlich; doch darf ich mit Stolz feststellen, dass sie alle durchweg die gebieterische Notwendigkeit dieser Maßnahme begreifen und sich ihr ohne Murren einfügen.

Viele von ihnen werden innerhalb des Kreises eine neue Heim- und Arbeitsstätte finden, die meisten dagegen werden durch die selbstverständliche Fürsorge des Reiches nach anderen Gauen Deutschlands auf großzügig angelegte Bauernstellen umgesiedelt, so hauptsächlich nach Mecklenburg und in die Magdeburger Börde. Sie werden dort die Grundlage für neue Geschlechterfolgen schaffen und damit das deutsche Bauerntum stärken. Ihre Lebenskraft bleibt für Deutschland erhalten, und Deutschland sichert ihnen eine wohlbehütete und geborgene Heimat.“

Licht und Schatten auf dem Hohenrötherhof

Die 1937 und 1938 von Dr. Wilhelm Burger für die Chroniken der Gemeinden zwischen Sien, Idar-Oberstein und Baumholder aufgenommenen Ortsansichten erzählen manchmal kleine Geschichten. Denn mit Vorliebe gruppierte der fotografierende Veterinär die einheimischen Komparsen seiner Dorfmotive zu hübschen Genre-Szenen der „Verlorenen Heimat“. So zeigt beispielsweise das Bild eines schmucken Anwesens auf dem Hohenrötherhof fünf „Darstellerinnen“ aus drei Generationen, die jeweils verschiedene Rollen „spielen“.

Die in der Bibel lesende Großmutter Jakobine Weichel, wie sie vor zwei Schatten spendenden Linden auf der übersonnten Hoffläche sitzt, mutet fast wie eine Ikone der romantischen Kunsttradition an. Dagegen wird die profane Häuslichkeit durch eine Magd oder Jungbäuerin auf den Eingangsstufen sowie durch die im Fenster nebenan lehnende Hausfrau Hertha Weichel repräsentiert. Eine jüngere Frau mit einer Sichel in der Hand und ein etwa zehnjähriges Mädchen, die beide vor dem imposanten, akkurat aufgeschichteten Misthaufen posieren, beleben den Vordergrund des Hofidylls. Lediglich ein Dachständer der Elektrizitätsversorgung sowie das am rechten Bildrand hereinragende Hinterteil von Dr. Burgers Motorrad relativieren die scheinbare Zeitlosigkeit auf dem seit der keltischen Frühgeschichte besiedelten Distelberg zwischen Oberjeckenbach und Wickenhof.

Mit faszinierender Anschaulichkeit entkräftet dieses schöne Bild die propagandistische These im Vorwort der Ortschroniken, wonach die von der Zwangsumsiedlung betroffenen Einwohnerschaften „alle durchweg die gebieterische Notwendigkeit dieser Maßnahme begreifen und sich ihr ohne Murren einfügen“. Es ist doch kaum zu glauben, dass die recht wohlhabenden Eigentümer solcher ansehnlichen Gehöfte ihren seit vielen Generationen überkommenen Besitz allein aus nationalsozialistischer Überzeugtheit sowie „politischer Einsicht“ aufgeben und verlassen wollten. Aber auch dem Hohenröther Hofbauern Jakob Weichel blieb keine Wahl; bis März 1939 musste er den Hof räumen und mit seiner Familie nach Trebur-Hessenaue (bei Groß-Gerau) übersiedeln.

Lesetipp

Uwe Anhäuser
Sagenhafter Hunsrück
Band II

Merkwürdiges und Mysteriöses
zwischen Mittelrhein und Westrich,
im Nahe- und Moselland

Ein anderes Burger-Bild vom Hohenrötherhof spiegelt die Hinfälligkeit der Idylle und vermittelt zugleich einen deprimierenden Eindruck vom Niedergang der Lebensqualität in dem geschichtsträchtigen Weiler. Das Motiv zeigt die Fassade der Gastwirtschaft Bender und deren rustikale Nebengebäude. Deutlich ist eine bereits fortgeschrittene Verwahrlosung des ehedem sehr malerischen Anwesens zu erkennen. Unübersehbar bröckelt der Verputz. Die Scheune im Hintergrund und auch die Stallungen haben ausgedient und wuchern zu; ein Dachfirst ist schon teilweise eingestürzt. Zum maroden Gesamteindruck passt auch das kaum noch leserliche Email-Reklameschild fürs „Kirner Bier“ an dem Mauerrest im rechten Vordergrund. Zwar könnten das auf einer hölzernen Bank vor dem Gasthaus sitzende Mädchen und der die Türschwelle hütende Jagdhund noch einen hoffnungsfrohen Zukunftsimpuls andeuten – doch schon ihre vom Bildbetrachter abgewandte Haltung erscheint bar jeder Zuversicht.

Bereits vor zweieinhalb Jahrtausenden hatten sich treverische Kelten der Hunsrück-Eifel-Kultur auf dem Distelberg niedergelassen. Sie bestatteten ihre Verstorbenen in großen Hügelgräbern und versahen sie mit wertvollen Beigaben für den Jenseitsweg in die Ewigkeit. Mehrere um 1970 freigelegte Grabanlagen bezeugen jene frühkeltische Erstbesiedlung. Weitere Relikte aus der nahen Umgebung entstammen der Römerzeit um 250 n.Chr. Insbesondere die beim benachbarten Stenzhornerhof entdeckten zwei Münzschätze – mit zusammen mehr als 3000 kaiserzeitlichen Geldstücken – weisen auf die erhebliche Bedeutung der hier vorbei führenden uralten Heer- und Handelsstraße hin. Vermutlich boten kriegerische Ereignisse während der Völkerwanderungszeit, beim Untergang des römischen Imperiums, den dramatischen Anlass für das Verstecken jener enormen Schätze.

Die mittelalterliche Geschichtsperiode begann rund 700 Jahre später mit einer den Ortsnamen prägenden „Rodung auf der Höhe“. Eine am 21. Januar 1192 ausgefertigte Urkunde des Erzbischofs Konrad von Mainz sicherte dem nahen Kloster Offenbach am Glan ein Neuntel des dort – hoch droben im „Forste Winterhuche“ – erwirtschafteten Zehnten zu. Ein Kontrakt aus dem Jahr 1319 hebt die verkehrsgünstige Lage von „Dorf Rode“ am Kreuzungspunkt der seit alters her wichtigen Landstraßen zwischen Niederalben und Sien sowie von Lauterecken nach Reichenbach hervor.

Damals gehörte der größte Teil von „Hoenrode“ zu den weit verstreuten Besitztümern der Grafen von Steinkallenfels. Diese ließen dort ihre leibeigenen Bauern wie rechtlose Sklaven hausen und schuften: als bettelarme Schlucker, die ja ohnehin durch die am Gesamtertrag beteiligte Offenbacher Geistlichkeit im unentrinnbaren Abhängigkeitsverhältnis von der vermeintlich  „gottgewollten Weltordnung“ festgehalten wurden. Anno dazumal – im 14. Jahrhundert – besaß die Steinkallenfelser Ritterschaft zwar einen wohlklingenden Namen und (noch) tadellosen Ruf, wurde jedoch bereits notorisch von arger Geldknappheit geplagt. Deshalb mussten die auswärtigen Liegenschaften hin und wieder als finanzstrategische „Manövriermasse“ eingesetzt werden. So wechselten der Hohenrötherhof und seine Bewohner während jener „dunklen Zeit“ mehrere Male die Besitzer. Herren aus Stromberg, Simmern und Zweibrücken erwarben und veräußerten unterschiedliche Anteile, Lehen und Zinsgefälle, bis dann letztlich alles „mit Mann und Maus“ in das einheitliche Eigentum der Wild- und Rheingrafen von Grumbach geriet.

Einen guten Überblick des komplizierten mittelalterlichen „Immobilienhandels“ schilderte der Historiker Wilhelm Fabricius: „Am 12. April 1554 verkaufte Bartholomäus Just von Stromberg dem Wild- und Rheingrafen Philipp Franz von Dhaun und Grumbach seine Hälfte an den Gerichten und an der Obrigkeit von Hoenrode mit Gebot und Verbot, Freveln und Bußen, Herrlich- und Gerechtigkeiten, Fruchtzehnten, Renten, Zinsen, Frondiensten, Wald, Wasser, Weide und Jagd. 1571 verkauften Philipp Franz Mauchenheimer von Zweibrücken und seine Frau Anna von Trohe den Wild- und Rheingrafen Friedrich Hans, Christoph, Adolf und Heinrich den achten Teil der Gerichtsbarkeit, Renten, Zinsen, Leuten, Diensten, Wasser, Weide, Gebot und Verbot zu Hohenroth.“ Schließlich erwarben die Wild- und Rheingrafen zu Grumbach noch 1596 die Hohenröther Anteile der bei Obermoschel ansässigen Ritter von Löwenstein. Mit Abschluss dieser „Arrondierungsmaßnahmen“ des regional dominierenden Geschlechts lagen sowohl alle rechtlichen als auch die wirtschaftlichen Lebensbedingungen für die Untergebenen in einer einzigen Herrschaftshand. Nach heutigem Maßstab hieße dies, dass die Aufgaben von Polizei, Rechtsprechung und Finanzamt in einer höchst autoritären Behörde zusammengefasst wären.

Als rechtlicher Arm der wild- und rheingräflichen Oberhoheit waltete in Ilgesheim und Hohenroth das „Lehen von Asselnheim“ als ein Gericht mit drei Schöffen, dessen Kompetenz jedoch auf reine Grundbesitz- und Zinsangelegenheiten beschränkt war. Seine Zuständigkeit „erstreckte sich über die Gemarkungen Ilgesheim und Oberjeckenbach hinaus bis zum Mollberg (Bann Unterjeckenbach) und zur Schmalzheck im ehemaligen Oberhachenbacher Bann sowie bis zum Herzborn (zwischen Hohenrötherhof und Wickenhof), dem Distrikt Katzenzahl und auf Stuhl (Gemarkung Ehlenbach). Innerhalb dieses Gebietes lagen die zu diesem Hofesgericht zinspflichtigen Güter, untermischt mit denen der anderen Grundherren.“

Alle sonstigen Rechtsfragen – bis hin zu Strafen über Leib und Leben – regelte das so genannte Hochgericht auf der Heide. Ihm waren die Einwohner zahlreicher Gemeinden zwischen Grumbach, Sien und der Winterhauch unterworfen. Es erließ auch genaue Anweisungen für den Frondienst: „Jeder Ackermann soll fronen zu viermal im Jahr im Acker und vier Tag sonst im Weinberg oder anderswo. Aber derjenige, der nicht Pferd oder Ackergaul hat, der ist den Herren vier Tag zu hacken schuldig und vier Tag zu Ährenschneiden oder Hafermähen und ein Tag Gras mähen.“

Nach Jahrhunderten der schonungslos fortgesetzten Ausbeutung von Menschen, Nutztieren und Ackerböden brach der Dreißigjährige Krieg über das Land zwischen Nahe und Glan herein. Wohngebäude, Scheunen, Stallungen und die Schäferei des Hohenrötherhofs gingen in Flammen auf. 1629 notierte der Offenbacher Klosterverwalter: „Die Hofleute sind durch das beharrliche Kriegswesen ganz zu Grunde gerichtet worden, dass die Felder nit bebauet noch besamet werden. Sie sind ganz zu Grund gerichtet, dass sie nit mehr uffkommen noch sich erholen können.“ So lange räuberisches Kriegsvolk umher ziehe, sei an einen Wiederaufbau des Weilers überhaupt nicht zu denken, „dieweil er gar an der Straßen lieget“. Im Jahr 1644 – also knapp 300 Jahre vor der letztmaligen Aussiedlung – „war Rode gäntzlich verbrannt, die Bewohner sind verstorben, verdorben oder in andere Orte gezogen.“

Gleichwohl glückte 1657 die Neubesiedlung. Durch Einrichtung einer Zoll-Einnahmestelle und die verbriefte Genehmigung zum Abhalten zweier großer Märkte jedes Jahr förderten die Rheingrafen den wirtschaftlichen Aufstieg. Ein Jahrhundert später verpachteten sie den Hohenrötherhof an einen risikobereiten Gefolgsmann namens Nikel Brossius. Durch einen 16 Punkte umfassenden Pachtvertrag wurden ihm Treue zum rheingräflichen Herrscherhaus abgefordert, verschiedene Frondienste sowie ausreichende Vorsicht vor Bränden; außerdem zuverlässig zu entrichtender Pachtzins und eine redliche Viehabgabe. Wiesenheu, Hanf, Flachs, Kappus, Kartoffeln und Rüben mussten vertragsgemäß angebaut und abgeliefert werden. Wichtig waren auch die Bereitstellung von Stroh für die Dächer, eine gute Pflege aller Gebäulichkeiten sowie die alljährliche Anpflanzung von mindestens zwei Obstbäumen.

Während der napoleonischen Besatzungszeit wurde der Hof als „dem Adel entrissenes Nationalgut“ versteigert und kam 1808 in den Besitz von Sebastian Weichel, dessen Vorfahren schon seit 1769 Pächter hier gewesen waren. Auch Weichels Nachkommen blieben sesshaft und verzweigten sich zu mehreren Familien, die im Lauf des 19. Jahrhunderts die Siedlung auf dem Distelberg um zwei neue Gehöfte bereicherten. Nun wurde der Hohenrötherhof auch gesellschaftlich wieder zu einem viel besuchten Mittelpunkt der weiten Umgebung. Die Jahrmärkte lockten stets Besucherscharen aus allen umliegenden Dörfern herbei. Sogar der pathetische Aufmarsch des örtlichen Kriegervereins am „Sedanstag“ wurde mit viel Tamtam und fröhlichem Treiben weitergeführt. Noch bis 1937 hielten die Lehrer der Ämter Weierbach und Grumbach ihre traditionell gemeinsamen Dienstbesprechungen und Freundschaftstreffen in der Wirtschaft Bender ab, wo überdies an vielen Sonntagen zum Tanz für die Jugend aufgespielt wurde. Bis sich dann im Winter 1938/39 der sinnbildliche Schlussvorhang über die lange und wechselvolle Geschichte des Hohenrötherhofs senkte...

Kriegsvorbereitungen und Straßenbau

Durch staatliche Anordnungen vom 15.11.1938 und 17.10.1939 war der neu gegründete Truppenübungsplatz Baumholder von den ursprünglichen Ortsgemeinden losgelöst und zum 1. April 1940 als „Heeresgutsbezirk“ deklariert worden. Die militärische Nutzung setzte jedoch erheblich früher ein: Bereits am 1. Mai 1938 wurde der westliche Platzteil für Manöver frei gegeben, und nach dem 1. April 1939 durften Infanterie und Artillerie auch in den östlichen Sektor zu Schießübungen einmarschieren. Seit dem Sommer 1939 lief der militärische Übungsbetrieb dann buchstäblich auf vollen Touren.

Mehrere der entvölkerten Dörfer wurden durch Pioniere gesprengt und weitgehend einplaniert; andere blieben noch teilweise stehen, weil sie für die taktische und praktische Schulung der Truppe im Straßen- bzw. Häuserkampf gut zu gebrauchen waren. Die während der beiden vorherigen Jahre von Dr. Wilhelm Burger fotografierten Idyllen gehören seither endgültig der Vergangenheit an. Und die mit diesen Aufnahmen illustrierten Chroniken der untergegangenen Dörfer halten die unwiederbringlich verlorene Heimat wie einen romantischen Bildertraum fest.

Während nun im Sperrgebiet zwischen Baumholder, Niederalben, Sien und Idar-Oberstein die militärisch „ganz normalen“ Kriegsvorbereitungen plan- und regelmäßig abliefen, brach jenseits der deutschen Ostgrenze alsbald der tatsächliche „Ernstfall“ los. Und danach dauerte es nicht mehr lange, bis dem Truppenübungsplatz Baumholder eine gänzlich unerwartete zusätzliche Aufgabe zuwachsen sollte. Denn beim „Blitzkrieg“ gegen Polen und auf dem rapiden Vormarsch in die Gebiete der Sowjetunion machte die Wehrmacht so viele Gefangene, dass für deren Unterbringung – möglichst fernab der Kampffronten – schleunigst Lager geschaffen werden mussten.

Im Herbst 1941 wurde deshalb mit größter Eile auf der ehemaligen Dorfgemarkung von Aulenbach ein kleines Barackenlager für sowjetische Kriegsgefangene errichtet. Martin Ringhoffer, der für einen im Birkenfelder Heimatkalender 1988 abgedruckten Beitrag die Lebens- und Arbeitsbedingungen dieses Lagers recherchieren wollte, musste letztlich resümieren: „Die Abgeschiedenheit im Sperrgebiet hat den Einblick in die inneren Verhältnisse des Lagers verhindert. Westlich des ehemaligen Zivilfriedhofs Aulenbach befand sich ein Gräberfeld 70 unbekannter Soldaten, bei denen es sich vermutlich um 1941/42 Verstorbene handelte. Nach Kriegsende fand man auf freiem Felde Grabstellen von 572 Toten, deren Namen und Sterbedaten unbekannt blieben. Einige Sterbefallanzeigen für die Monate September und Oktober 1941 liegen vor: Im Krankenrevier oder Arbeitskommando Verstorbene, die man auf dem Lagerfriedhof beerdigte. Das Fehlen von Zahlenangaben mag daher rühren, dass die Wehrmachtführung anfangs kein Interesse an der Aufstellung von Statistiken hatte. Mit den wenigen bekannten Fakten ist es schwierig, das Lager richtig in den Gesamtzusammenhang einzuordnen. Das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen überhaupt wurde 1941/42 von einem Massensterben bestimmt. Durch Unterernährung, Elendstransporte und unzureichende Quartiere bedingt, erlebte ein Großteil der Gefangenen das Jahr 1942 nicht mehr.“

Kein Denkmal für die Arbeitssklaven

Konnte der Truppenübungsplatz anfänglich noch als rein militärische Einrichtung und mithin als gleichsam „unschuldiges Terrain“ im Sinne der Genfer Konvention betrachtet werden, so brachten ihn die Vorkommnisse in dem Lager bei Aulenbach aber zwangsläufig auf die makabre Liste der Todeslager jener Kriegsjahre. Die Gesamtzahl von mindestens 646 Todesopfern in solch einem verhältnismäßig kleinen Lager lässt sich auch keinesfalls mit dem achselzuckenden Hinweis auf „schwierige hygienische und ernährungstechnische Bedingungen“ relativieren – geschweige denn entschuldigen. Überdies ließ die von der SS betriebene Vollstreckung des so genannten „Kommissarbefehls“ ausgerechnet das Gefangenenlager Aulenbach zum Vorbereitungsort eines besonders schauerlichen Kriegsverbrechens werden: 70 Insassen wurden eines Abends im Oktober 1941 auf zwei Lastwagen ins „SS-Sonderlager“ (KZ) Hinzert bei Hermeskeil transportiert, wo sie unmittelbar nach ihrer Ankunft von dem dortigen „Lagerarzt“ durch Zyankali-Injektionen ermordet und noch während derselben Nacht in einem von den Hinzerter „Stammhäftlingen“ eilig ausgeschachteten Massengrab beerdigt wurden.

Auch bei Mittelreidenbach, nur ein paar hundert Meter vom Rand des Übungsplatzes entfernt, wurde im Herbst 1941 ein Speziallager für Kriegsgefangene eingerichtet, dessen Insassen härteste Knochenarbeit beim Ausbau der Straße vom Niederreidenbacherhof nach Lauterecken verrichten mussten. Eigentlich müsste an dieser heute viel befahrenen Strecke schon längst ein Denkmal für jene erbarmungswürdigen Arbeitssklaven stehen... Nach Beendigung der Straßenbaumaßnahme im Sommer 1942 wurden die überlebenden Häftlinge aus dem Reidenbachtal ins Aulenbacher Lager überstellt.

In der Mittelreidenbacher Pfarrchronik findet sich ein zu Herzen gehender Bericht: „Das Lager stand unter der Leitung und Aufsicht der berüchtigten SS und sollte als Hunger- und Todeslager bekannt werden. Die ausgehungerten Menschen wurden zum Straßenbau an der geplanten Straße Fischbach – Langweiler eingesetzt. Die Verpflegung bestand aus einer Hungersuppe und wenig Brot, so dass man an diesen hungernden Menschen nicht vorbei gehen konnte, ohne aufs tiefste ergriffen zu werden und an die Rache an den eigenen Brüdern zu denken. Der Hungertyphus hielt reiche Ernte unter den Gefangenen. Zwei Gefangene wurden an ihren Arbeitsplätzen von ihren Aufsehern erschossen, nur weil sie ihren Hunger stillen wollten an den Rüben des Feldes.

Die Toten wurden in einem zweirädrigen Kieskarren, der von ihren Brüdern gezogen wurde, zum Begräbnisplatz unterhalb des alten Friedhofs am Wege nach Dickesbach gebracht, wo man sie nackt und bloß in die kaum 50 cm tiefen Löcher verscharrte. Diese Totenfahrten, die von denen ausgeführt wurden, die schon arbeitsunfähig und selbst vom Tode gezeichnet waren, riefen die Empörung des Dorfes hervor und wurden zum Ärgernis für die Schulkinder, die vom Klassenzimmer aus die vorbeifahrenden Karren sehen konnten. Die Empörung und die immer lauter werdenden Proteste der Bevölkerung bewirkten, dass zuletzt die Toten von ihren Brüdern bei Nacht in die am Tage geschaufelten Gräber geborgen wurden. Im Sommer 1948 wurden die Toten ausgegraben. Gebein zu Gebein in Särgen gebettet und auf dem Friedhof der Gemeinde beigesetzt. Requiescant in pace!“

Arbeitskolonnen sowjetischer Gefangener waren auch beim Gleisbau auf der Nahetalstrecke und auf der Seitenlinie von Heimbach nach Baumholder tätig. Ringhoffer schildert: „Die Kolonnen kamen vom Lager Aulenbach zum Bahnhof Ruschberg marschiert, dort konnte man sie per Bahn weitertransportieren oder auf die Strecke verteilen. Abends marschierten die Kolonnen zurück, die Toten in einem Karren hinter sich her ziehend. Auch hier kam es zu Zwischenfällen, wenn z.B. Gefangene in ihrer Not versuchten, etwas Essbares zu erlangen. Häufig wurden ihnen von Passanten, Kindern oder aus dem Zug heraus Lebensmittel zugeworfen, was oft genug zu Prügeleien unter ihnen und Ausschreitungen der Wachleute führte. Nachsichtige Wachleute waren ebenso selten wie Zivilisten, die gegen die Zustände protestierten. Zu den wehrmachteigenen Arbeiten gehörte das Entladen von Munitionszügen am Bahnhof Ruschberg; die Ladung brachte man dann per Lastwagen in ein nahe gelegenes Depot.“

1950 erfolgte die Umbettung der bei Aulenbach verscharrten Gefangenen: Die sterblichen Überreste von 573 unbekannten und 73 namentlich bekannten Toten wurden exhumiert, in Särge einsortiert und dann auf den Waldfriedhof Mainz-Mombach überführt. Ein bereits 1945 auf dem früheren Gräberfeld aufgestelltes Denkmal erinnert inschriftlich: „Brüderliches Grab russischer Kriegsgefangener 1941-45“.

Außer den zahlreichen Kriegsgefangenen aus Osteuropa, die im Bereich des Truppenübungsplatzes umkamen oder ermordet wurden, fand dort auch so mancher deutsche Soldat ein willkürliches Ende. Denn außer den regulären Übungstruppen war in Baumholder seit dem Winter 1943/44 auch das berühmt-berüchtigte „Strafbataillon 999“ stationiert. Dessen Mitglieder waren aus den unterschiedlichsten Gründen als „wehrunwürdig“ degradierte Landser. Zum überwiegenden Teil handelte es sich um Sozialdemokraten und Sozialisten, oft aber auch „nur“ um solche Männer, die es fahrlässig gewagt hatten, Kritik am Nationalsozialismus und seinen politischen Repräsentanten oder an ihren militärischen Vorgesetzten zu äußern.

Solchen „politisch unzuverlässigen Subjekten“ bot nunmehr das Strafbataillon „die einmalige Gelegenheit, durch eigene Leistungen und eigenes Wohlverhalten wieder vollwertige Soldaten und Staatsbürger zu werden“, indem sie „bei hartem Dienst besonderen Beschränkungen unterworfen sein“ mussten, „um sich der ausnahmsweise gegebenen Gelegenheit würdig zu erweisen, ihre Ehre wieder herzustellen und als freie Soldaten mit der Waffe dem Vaterlande dienen zu dürfen.“

Ein Mitglied der „999-er“ hat über die Ankunft seiner Einheit auf dem Ruschberger Bahnhof berichtet: „Laden und sichern! In zehn Schritt Abstand längs des Zuges verteilen“, hören wir eine Kommandostimme. Das sind bekannte Befehle. Bisher sind sie allerdings nur beim Ausladen von Kriegsgefangenen gegeben worden. Diesmal aber steigen verlaust und verdreckt, taumelnd vor Schwäche, deutsche Landser aus den Waggons. Die anwesenden Eisenbahner und Reisenden trauen ihren Augen nicht. Und um jeden Zweifel zu beheben, fangen wir an zu singen: „Schön ist's bei den Soldaten...“ Sogar unser Transportführer muss grinsen. Nach der ersten Strophe aber brüllt er: „Aufhören!“ Wahrlich, der kleine Bahnhof von Ruschberg, der zur gleichen Zeit auch einstweilige Endstation für die Kriegsgefangenen des so genannten „Russenlagers“ bei Aulenbach war, erweist sich eingedenk jener dramatischen Episode als ein Geschichtsort von bedeutsamer Tiefe und Schwermut.

Oftmals mussten die Soldaten der Bewährungstruppe „zur Abschreckung“ an den Hinrichtungen ihrer eigenen Kameraden teilnehmen: „Noch dunkel draußen, fast noch Nacht. Lärm in der Kaserne. ,Aufstehen!' So früh? Antreten, abzählen. War- ten. ,Abteilung marsch.' Stille, kein Gespräch, kein Lied. Der Wald scheint noch dunkler. Wir halten. Aufstellung in Richtung von zwei Pfählen vor einem Erdwall. Warten, warten. Es wird hell. Ein Wagen fährt vor. Zwei Soldaten werden gefesselt herausgeführt. Ein Offizier verliest etwas. Die beiden werden angebunden, die Augen mit einem Tuch verdeckt. Der Offizier hebt eine Fahne. Als die Schüsse fallen, ertönt das Kommando: ,Das Ganze kehrt!' Es genügt, wir haben genug gesehen.“

Und im Juli 1944 – genau 60 Jahre ist’s jetzt her – ging es „um fünf Uhr früh an einem kalten, nebeligen Morgen“ erneut zu den Schießständen unweit der Wüstung Mambächel: „Wohin der Marsch ging, wusste niemand. Wir hielten schließlich bei den Maschinengewehrschießständen an. Auf jedem Stand war ein weißer Pfahl eingegraben. Davor wurden die Bataillone in etwa vierzig Meter Entfernung zum offenen Karree formiert. Die Offiziere, die Unteroffiziere und die Obergefreiten des Erschießungskommandos waren schon da, auch ein Pfarrer fehlte nicht. Kurze Zeit später kam ein verdeckter LKW und brachte die Verurteilten. Ausgemergelt und blass durch die monatelange Haft und die seelische Belastung stiegen sie vom Fahrzeug und wurden von der Begleitmannschaft vorgeführt. Ein Offizier verlas näselnd die Urteile und richtete eine kurze Ansprache an uns. Worte sind zu armselig, um unsere Empfindungen angesichts dieses Verbrechens zu schildern. Mit den Verurteilten wurde vorne noch gesprochen. Wir konnten jedoch nichts verstehen. Der Versuch des Pfarrers, seinen Trost bei diesen unglücklichen Menschen anzubringen, hatte jedoch nur bei einem Erfolg. Die anderen lehnten schon von weitem mit einer unmissverständlichen Geste ab. Offenbar fragte man die Gefangenen noch nach einem letzten Wunsch, denn einer von ihnen sagte sehr laut: ,Ich will meinem Mörder in die Augen sehen!' Doch auch ihm wurden die Augen verbunden, und er wurde zum Pfahl des letzten Standes, unserer Kompanie gegenüber, geführt und dort angebunden. Als das Erschießungskommando den Befehl zum Anlegen erhielt, rief er laut und weithin vernehmbar: Es lebe das sozialistische Deutschland!“

Wie nüchtern und geschäftsmäßig die Verwaltung solche Vorgänge abzuhandeln pflegte, zeigt die handschriftliche Aktennotiz in einem Schnellhefter mit dem Titel „Beschaffung von Särgen und Grabkreuzen“, der beim Gutsbezirk Baumholder geführt wurde: In diesem Schriftstück wird bestätigt, dass eine namentlich genannte Idar-Obersteiner Schreinerei für die „anfallenden Exekutionen“ eine größere Anzahl Särge zum Stückpreis von 50 Mark anliefern soll: „Die Särge werden auf Vorrat bestellt und auf dem Schießstand gelagert.“

Faustrecht und Terror statt Frieden und Ordnung 

In den Jahren vor 1940, während ungezählte Einheiten der deutschen Wehrmacht ihre militärischen Trainingsprogramme auf dem neuen Übungsplatz durchführten, wandelte sich zugleich das Bild des zuvor beschaulichen Landstädtchens Baumholder. Den ersten Truppen, die bereits im Herbst 1937 als Mitwirkende eines großen Herbstmanövers auf den Platz gekommen waren, folgten bald immer zahlreichere und stärkere Einheiten. Im Lauf des Zweiten Weltkriegs diente der Platz sodann unterschiedlichsten Feldverbänden zur Ausbildung; außerdem wurden diverse Divisionen hier aufgefüllt, neu aufgestellt und an die Fronten in Marsch gesetzt.

Seit Frühjahr 1938 mussten in größter Eile neue Kommandantur-, Kasernen-, Lager-, Depot- und Unterstellbauten konstruiert werden. Ein enormer Bauboom setzte ein, der die hohe Arbeitslosigkeit im strukturschwachen Westrich und an der oberen Nahe segensreich in kurzer Zeit beseitigte. Bald drängten sich Tausende Arbeiter, Lastzüge, Baumaschinen und Militärkonvois auf den für solch einen Verkehr überhaupt nicht geeigneten Straßen in und um Baumholder. Nach Regenfällen waren die durch Schlaglöcher und Baustellenschmutz verdorbenen Strecken oftmals kaum passierbar. Der mithin erforderliche Bau neuer Verkehrswege kurbelte die Wirtschaft noch mehr an. 

Rasch gesellten sich zu den etwa 1 000 einheimischen Arbeitnehmern noch weitere 3 000 Beschäftigte aus anderen deutschen Regionen, die zum Teil in Zeltlagern logieren mussten. In seiner Grumbacher Chronik (1959) beschrieb Pfarrer Otto Karsch dieses große Gewimmel von Mensch und Technik: „Es trafen Quartiermacher ein und suchten Unterkünfte für Bauarbeiter und andere Arbeiter. Kaum waren die Quartiere gefunden, da kamen auch schon die ersten Omnibusse mit Arbeitern aus Berlin und Brandenburg. Auch in den umliegenden Dörfern wurden Quartiere gesucht, man sah hier Omnibusse fahren aus Berlin, Dresden, Radebeul, Aschaffenburg, Hamburg und Altona. Ihnen folgten die Baufirmen, die auf Lastwagen ihre Maschinen und Geräte brachten. Großbaustelle Unterjeckenbach und Großbaustelle Deimberg! Der Boden wurde aufgewühlt, es wurde gehämmert und gesprengt, Kolonnen von Lastwagen brachten das Material herbei, Holz und Eisen und Sand und Berge Zement. Morgens in der Frühe holten die Omnibusse die Arbeiter aus den Dörfern und brachten sie an die Baustellen. Oft wurde in drei Schichten Tag und Nacht gearbeitet. An jeder Baustelle entstanden acht große Flakbunker, die zu der dritten Zone der Siegfriedlinie (Westwall) gehörten. In Deimberg wurde auf einem freien Platz in der Mitte des Dorfes noch eine große Halle für Geschütze errichtet. Als die Bunker nach dem Kriege gesprengt wurden, konnte die Flakhalle erhalten bleiben. Sie dient heute friedlichen Zwecken.“

Der binnen weniger Monate geweckte Bedarf an Architekten, Handwerkern und Hilfskräften für die Schaffung neuer militärischer Unterkünfte und Zweckanlagen entsprang zwar einem strategischen Plan, doch der dadurch beflügelte Wirtschafts­aufschwung war selbstverständlich ein hochwillkommener Nebeneffekt. Nicht zuletzt stärkte er die begeisterte Akzeptanz des NS-Regimes in sämtlichen Gesellschaftsschichten. Zwar hatte die einheimische Zivilbevölkerung den Schmutz, den Lärm und alle sonstigen Maßnahmen im Umfeld der immensen Bauvorhaben „gefälligst“ zu dulden und Verständnis für deren „politische Notwendigkeit“ aufzubringen. Doch nirgends regte sich Widerspruch. Zudem setzte sich das Militär bei Richtfesten im Offizierslager und an den Kasernenkomplexen mit Aufmärschen und strammen Paraden recht wirkungsvoll in Szene. Aber auch ohne derartige „Werbeveranstaltungen“ nahmen fast alle Baumholderer die mannigfachen Belastungen und Belästigungen mit frohgemuter Zuversicht hin. Denn sie sahen ja gerne ein, dass der Aufschwung notwendiger Weise mit gewissen Einbußen an Bequemlichkeit erkauft werden musste...

„Aber was tat’s?“, fragte Otto Karsch als Autor der 1967 erschienenen „Geschichte der Stadt und des Truppenübungsplatzes“. In einem weitgespannten Kurzüberblick kennzeichnete er die sprunghafte Entwicklung vom euphorischen Beginn bis zum bitteren Ende: „Es wurde gebaut und gebaut. Ein Militärlager mit 200 Häusern, ein Arbeitslager, für jede Kompanie noch ein eigenes Gebäude und vieles andere. Die ersten Soldaten waren noch in Zeltlagern untergebracht, konnten aber schon im Herbst 1938 feste Unterkünfte beziehen. In diesen Monaten fand auch schon das erste große Artillerieschießen statt. Weitere schlossen sich in schneller Folge an und bedeuteten für die Bevölkerung eine empfindliche Störung ihres bisherigen friedlichen Lebens.

Der zweite Weltkrieg brach aus. Viele Truppeneinheiten aus ganz Deutschland und Österreich wurden auf dem Platz für den kommenden Einsatz an irgendeiner Front ausgebildet. Bei den Soldaten war der Truppenübungsplatz mehr gefürchtet als beliebt. Spottverse mancher Art geben hiervon Zeugnis. Im Herbst 1944 waren die militärischen Anlagen des Platzes mehrfach das Ziel von Bombenangriffen, durch die das Theater, einige Kasernen und Wirtschaftsgebäude beschädigt wurden. Weiterhin erlitten die Bahnhofsanlagen erheblichen Schaden. Beim Heranrücken der Amerikaner im März 1945 sollte der Platz verteidigt werden. Die deutschen Truppen setzten sich jedoch vorher ab und bewahrten dadurch die Stadt vor der Zerstörung. Stadt und Platz fielen kampflos in die Hände der amerikanischen Truppen.“

An jenem denkwürdigen 18. März hofften wohl die meisten Bürger, der „Spuk von Krieg und Terror“ sei nunmehr beendet. Doch alsbald führte die massenhafte Internierung sowjetischer Kriegsgefangener auf dem Truppenübungsplatz zu dramatischen Komplikationen. Denn unmittelbar nach dem Waffenstillstand war in und nahe bei Baumholder ein Sammellager für rund 30 000 ausländische Fremdarbeiter, zumeist Polen und Russen, eingerichtet worden, die nach Haft oder Zwangsarbeit hier einen ersten Hauch ihrer wiedergewonnenen Freiheit verspürten. Bei den obwaltenden Verhältnissen konnte aber keinesfalls von einer korrekten Führung oder gar „ordnungsgemäßen“ Verwaltung des Lagerlebens die Rede sein. Das Faustrecht war die erste Regel.

Nicht wenige Insassen dieses so genannten „Russenlagers“ trachteten danach, sich bei der deutschen Bevölkerung für das erlittene Unrecht samt all den Demütigungen und Entbehrungen ihrer Gefangenschaft schadlos zu halten. Wahrscheinlich waren es oft auch der nackte Hunger sowie eine namenlose Wut auf alles Deutsche, die sich jetzt in anarchistischen Verhaltensweisen und kriminellen Tätlichkeiten entluden. Zahllose Kleiderdiebstähle waren offenbar dem Versuch geschuldet, sich der schäbigen Arbeitsklamotten oder des verräterischen Häftlingshabits zu entledigen,

Einen beredten Eindruck jener Tage und Wochen vermitteln die Tagebuchaufzeichnungen von Katharina Conrad, die im Birkenfelder Heimatkalender 1988 durch Günter Theobald veröffentlicht wurden. Schon kurze Auszüge dieses Manuskripts spiegeln sowohl die Stimmung in der Bevölkerung als auch die Eskalation der Ereignisse. So steht unter Sonntag, dem 18.März 1945, der lapidare Eintrag zu lesen: „Um zwei Uhr waren die ersten amerikanischen Panzer in unserer Stadt, die weiße Fahne (wehte) über Baumholder. Absuchen der Häuser durch den Feind. Opas Uhr gestohlen. Heinrich Fels vor Aufregung an Herzschlag gestorben.“ Am 25. März wurde notiert: „Alle Ausländer werden hier gesammelt. Mit gestohlenen Pferden und Wagen und mit Beute unserer Soldaten kamen sie an. In Dörfern und abgelegenen Häusern rauben, plündern sie.“

Zehn Tage nach dem Einmarsch der Amerikaner heißt es: „Die Russen werden eine richtige Plage für Baumholder und Umgebung. Raubend und plündernd ziehen sie umher. Die deutsche Polizei kann nicht viel unternehmen, da sie keine Waffen besitzt.“ Am 31. März 1945 klagte Katharina Conrad: „Auf dem Breitsesterhof haben die Russen geplündert; Müller Jacob haben sie sämtliche Wäsche und Kleider gestohlen. Es kommen immer noch mehr Russen auf den Platz.“ Und tags darauf, am Ostersonntag: „Thiel Jacob und andere mussten in die Edingers Mühle, weil sich dort ungefähr 50 Russen breit machten. Unsere gefangenen Soldaten wurden nach Frankreich abtransportiert. Am Weiher standen Zelte, worin Schwarze hausten.“ Dem Gastwirt Edinger blieb schließlich keine andere Wahl, als sich und seine Familie nach Baumholder in Sicherheit bringen, „aus Angst vor den Russen. Seine ganze Kundschaft hilft ihm beim Umziehen. Die Russen plündern (auch) auf dem Eschelbacherhof. Heute Abend kommen alle Bewohner des Hofes nach Baumholder zum Schlafen.“

Weitere Eintragungen im April 1945 berichten von ständig wiederholten Plünderungen der beiden Höfe. Bald marschierten französische Truppen ein, die man offenbar zur Bewachung der marodierenden Russen herbei beordert hatte. Am 10. April brach Flecktyphus im Sammellager aus, und einen Tag später wurde Familie Conrad selber „von den Russen schwer heimgesucht. Opa und Horst wollten in der Dielbach Hafer säen, da kamen zuerst vier Russen und durchsuchten beide. Kurze Zeit später kamen 20/30 Mann, spannten die beiden Schecken aus und trieben sie unter harten Schlägen und größter Eile fort. Als Opa sich zur Wehr setzte, schossen sie. Die Kugel ging, Gott sei Dank, vorbei.“ Französische Soldaten, die gleich nach diesem Vorfall die zwei weggetriebenen Kühe suchten, kehrten leider „unverrichteter Sache zurück. Daraufhin ging ich zum französischen Kapitän und bat ihn um nochmalige Unterstützung. Jacob Thiel fuhr diesmal mit; er kannte das Russenlager im Wald von Altenkleb. Als sie dort hin kamen, fanden sie die eine Kuh geschlachtet vor; von der anderen war aber nichts zu sehen. Jacob dachte, nicht mehr lebend heimzukommen, so eine Schießerei war dort. Die paar Franzosen konnten da auch nichts ausrichten. Die Kühe sind fort, und wir werden auch nichts dafür bekommen.“

Noch bis Mitte Mai 1945 reihen sich in Katharina Conrads Tagebuch die Notizen über Diebstähle,  Plünderungen und Repressionen. Auf Geheiß der Besatzungsmacht mussten viele Einwohner ihre Häuser räumen und zu Verwandten oder Freunden ziehen. In der Edingers Mühle wurde Feuer gelegt. Junge Leute, die kurz nach Beginn der Ausgangssperre um 20 Uhr noch auf ihrem Hof angetroffen wurden, erhielten 24 Stunden Arrest, denn „nach acht Uhr darf man nicht mehr zum Fenster hinaus sehen, noch auf die Haustür gehen; alles muss verschlossen sein.“ Eine öffentliche Bekanntmachung erging, „dass alle Familien folgendes abzugeben hätten: Nachthemden, Nachtjacken, Spielbälle und sonstiges Kinderspielzeug. Es wurden eingezogen 25 Nähmaschinen, eine Anzahl Bohner und Möppe; viele Radios mussten abgegeben werden.“ Erst im Juni 1945, nachdem endlich auch das „Russenlager“ aufgelöst worden war, konnten sich die zivilen Verhältnisse in und um Baumholder allmählich wieder normalisieren.

Zur selben Zeit übernahmen die französischen Besatzungstruppen Baumholders Kasernen, Militäranlagen und den gesamten Übungsplatz. Einige seiner Teilbereiche wurden von dem neuen Oberkommando wieder zur zivilen Bewirtschaftung freigegeben. Etliche Ausgesiedelte zogen auf ihre alten Gehöfte zurück, in der Hoffnung auf eine nichtmilitärische Nutzung des Landes nach dem Weltkrieg. Stellenweise wurde bereits mit der Rekultivierung brach liegender Flächen begonnen. Doch der Kalte Krieg, vor allem die „Korea-Krise“, beendete diese Phase einer zivilen Nutzung von Teilbereichen des Übungsplatzes. Die amerikanische Besatzungsmacht suchte neue "Training Areas" für ihre in Westdeutschland stationierten Truppen. Deshalb wurden die für die Landwirtschaft freigegebenen Areale abermals zurück verlangt. Und schon bald darauf konnte der Truppenübungsplatz wieder ausschließlich militärisch genutzt werden.

Eine beispiellose Militarisierung

Mit vorsichtigem Optimismus beobachtete der geschichtskundige Pfarrer Otto Karsch den politischen und gesellschaftlichen Neubeginn in und um Baumholder. Er äußerte sogar Verständnis für die anfänglich sehr harsche Haltung der französischen Administration: „Das Verhältnis zu den zivilen deutschen Stellen und der Bevölkerung entsprach der Stimmung in diesen Monaten kurz nach Kriegsausgang. Das Interesse an einer guten Zusammen­arbeit wuchs jedoch mit der Normalisierung der Verhältnisse und mit der Besserung der politischen Atmosphäre. 1948 wurden den französischen Soldaten auch nordafrikanische Einheiten beigegeben. Sie hatten bald einen guten Kontakt mit der Bevölkerung, versorgten sie mit Lebensmitteln aller Art im Tausch gegen Schmuck und andere Dinge, die ihnen begehrenswert erschienen.“

Hingegen hebt ein Verwaltungsbericht des Landkreises Birkenfeld die dramatischen Lebensumstände zahlreicher Umgesiedelter hervor: „Infolge der Kriegsverhältnisse und der damit verbundenen Unmöglichkeit einer wertbeständigen Anlage der gezahlten Entschädigungen wurden viele betroffene Personen existenzlos oder existenzgefährdet.“ Und weil gegen Ende der vierziger Jahre der militärische Übungsbetrieb von Seiten der Siegermächte beträchtlich zunahm und ausgedehnt wurde, beklagte die machtlose deutsche Behörde, „dass dieses ‚Enklave’-Gebiet für die Bevölkerung zwar gesperrt ist, dass aber die alliierten Truppen, die heute den Truppenübungsplatz benutzen, ständig noch Wald und Kulturfläche außerhalb benutzen und mit Panzerspuren etc. verwüsten.“ Zugleich konnten aber auch recht interessante, viel versprechende Zukunftsperspektiven ins Auge gefasst werden, denn „der menschenleere, weiße Fleck der Karte bringt infolge seiner militärischen Zweckbestimmung eine ‚Völkerwanderung’ von ständig wechselnden Truppen mit sich, die samt ihrem ‚Gefolge’ eine bevölkerungspolitische Dynamik in den Randgemeinden auslösen. Das ergibt neue wirtschaftliche Verdienst­möglichkeiten für Freizeitgestaltung und Erholung der Truppen. Große Bauvorhaben werden innerhalb und außerhalb des Truppenübungsplatzes ausgeführt, so dass heute (1955) fast zwölf Quadratkilometer Land – das ist ein Sechstel der Kreisfläche – für militärische Zwecke beansprucht wird.“

Vor den politischen Hintergründen der Korea-Krise im Jahr 1951 und des sich zuspitzenden „Kalten Kriegs“ sowie auch infolge der ideologisch motivierten Frontstellung der NATO gegenüber dem Warschauer Pakt breitete sich in und um Baumholder jetzt wiederum „Goldgräberstimmung“ aus. Denn die aus strategischen Erwägungen durchzuführende Stationierung großer US-amerikanischer Heeresverbände rief einen neuerlichen Bauboom hervor, der ein rundes Jahrzehnt andauern sollte. Zeitweise galt Baumholder in jenen Jahren als größte Baustelle Westdeutschlands. Mehr als eine Million Mark wurden hier jede Woche „verbaut“ – eine damals schier astronomische Summe. Als Unterkünfte der Soldaten und ihrer Familien wurden 65 Wohnblöcke errichtet. Gleichsam im Schatten dieser Großprojekte fiel es freilich kaum ins Gewicht, dass die so genannten Platzrandgemeinden, während einer gleichzeitig erfolgten Vergrößerung und Arrondierung des Militärgeländes, mehr als 500 Hektar ihrer besten Waldbestände einbüßten.

Die größte Aufmerksamkeit der durch Kriegs- und Nachkriegswirren hart mitgenommenen einheimischen Bevölkerung richtete sich auf die grandiose Entwicklung des Arbeitsmarktes. Denn dank der alliierten Sonderbaumaßnahmen herrschte schon 1951 Vollbeschäftigung an der Oberen Nahe und im Westrich. Weit und breit gab es keine Arbeitslosen mehr. Allein im Baugewerbe waren 3 000 Arbeitskräfte tätig, die zum großen Teil von weit her „mit Kind und Kegel“ nach Baumholder kamen. Dieser Zuzug hatte wiederum sehr weitreichende Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt, das Schulwesen, die Verkehrssituation, das Handwerk, die Landwirtschaft, den Einzelhandel sowie nicht zuletzt auf die Gastronomie.

Seit 1949 nutzten auch Truppen der anderen NATO-Mitgliedstaaten das Übungsgelände mit seinen diversen Schießbahnen. Otto Karsch vermerkte in seiner Chronik: „Nachdem die Amerikaner 1951/1952 den überwiegenden Teil des Übungsplatzes übernommen hatten, bauten die Franzosen für ihre eigenen Zwecke das Lager Aulenbach. Am 11. März 1960 übergaben sie den Truppenübungsplatz wieder in deutsche Verwaltung. Eine deutsche Kommandantur und eine Standortverwaltung wurden im Lager Aulenbach eingerichtet. Erster Kommandant war Oberst Reinhard. Das Lager Aulenbach wird überwiegend von der Bundeswehr benutzt. Aber auch andere übende Truppen, Franzosen, Engländer, Belgier, Amerikaner und Luxemburger werden dort untergebracht. Im Lager selbst ist für die Bequemlichkeit und die Freizeitgestaltung der Soldaten in jeder Hinsicht gesorgt. Nicht nur das vorzüglich eingerichtete Lagerheim, sondern auch das sehr gemütliche ‚Haus Aulenbach’ bieten Abwechslung und Unterhaltung.

Als 1952 die ersten amerikanischen Einheiten nach Baumholder kamen, ahnte wohl niemand, dass dieser Wechsel der Szenerie eine Entwicklung einleitete, die in wenigen Jahren das Bild der Stadt und die geistige Haltung der Einwohner völlig verändern würde, eine Entwicklung, die zugleich Segen war, aber auch manche Probleme in sich barg. (...) In verhältnismäßig kurzer Zeit entstanden 1 237 Wohnungen für amerikanische Familienangehörige, mehrere Schulen mit Turnhallen, Kirchen, Sportanlagen, Theater, Kinos, Kegelbahnen, Kinderspielplätze, Clubs für Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften, ein Versorgungslager, ein Warenhaus, ein Betriebsstoffdepot und vieles andere. All diese Einrichtungen sind nach amerikanischem Muster auf das modernste eingerichtet. Die Wohnungen bieten einen für unsere Verhältnisse überdurchschnittlichen Komfort. Die Gebäude stellen ein ziemlich einheitliches Bild dar. Um den dazugehörenden Fahrzeugverkehr von der Innenstadt fernzuhalten, ist eine Umgehungsstraße gebaut worden. Sie legt sich wie eine Ringmauer um die Stadt. Über sie führt auch der übrige militärische Verkehr, insbesondere der schweren Kettenfahrzeuge.“

Bei kritischer Betrachtung der vielen anderen US- und NATO-Baumaßnahmen in Idar-Oberstein, Nahbollenbach, Neubrücke und auf dem Erbeskopf sowie weit umher im linksrheinischen Großraum zwischen Südpfalz und Nordeifel ergibt sich für die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts das Gesamtbild einer beispiellosen Militarisierung. Die damit einhergehende immense Aufrüstung hat Land und Leute viel nachhaltiger geprägt, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Und die Folgen dieser „militärischen Monokultur“ werden gewiss noch lange Jahre fortdauern.

Am auffälligsten vollzog sich der grundlegende Wandel von der traditionellen kleinbäuerlichen Ökonomie hin zu überwiegend durch Dienstleistungen bestimmten Arbeitsbereichen. Rund 60 Prozent der Baumholderer lebten 1950 vom landwirtlichen Broterwerb; acht Jahre später waren es nur noch ca. 15 Prozent. Seither also hingen die meisten Arbeitnehmer und Handwerksbetriebe der Region mehr oder weniger unmittelbar am viel zitierten „Tropf des Militärs“. Noch bis Ende der achtziger Jahre sorgte außerdem die enorme Truppenpräsenz im gesamten Landkreis Bir­ken­feld für zahllose Behinderungen, Erschwernisse und Einschränkungen im Ablauf des öffentlichen und privaten Alltagslebens. Vor allem das infernalische Getöse von Tieffliegern, die ihre Übungsbomben über dem zentralen Zielgebiet des „Gemickel“ abwarfen, beeinträchtigte die Lebensqualität im Umkreis des Übungsplatzes. Während sich in der betroffenen Bevölkerung Widerstand dagegen regte, priesen unbeirrte Befürworter den militärischen Fluglärm jedoch als faszinierenden „Sound of Freedom“.

Großen behördlichen Aufwandes bedurfte es stets, die Flur- und Straßenschä­den zu regulieren, wie sie nahezu alltäglich zwischen Sickinger Höhe und Idarwald von der übenden Truppe hinterlassen wurden. Denn auf dem Übungsplatz und im umliegenden Kreisgebiet waren seit den fünfziger Jahren fast ständig 15 000 bis 18 000 Soldaten präsent; während der Herbst- und Wintermanöver erhöhte sich ihre Zahl mitunter bis auf 30 000. Im Jahresdurchschnitt wurden 70 Marschübungen mit insgesamt 11 000 Räder- und 2 000 Kettenfahrzeugen durchgeführt.

Ein im Birkenfelder Heimatkalender 1988 abgedruckter Rückblick von Landrat a.D. Dr. Walter Beyer lässt mit eindrucksvoller Klarheit erkennen, wie gravierend sich die Probleme in Baumholder bündelten: „Am Beispiel dieser Stadt wird besonders deutlich, welche Auswirkungen die militärische Belegung durch US-Truppen hatte. Die Einwohnerzahl stieg von 1950 mit 2 800 Personen auf 4 600 in 1958. Dazu kamen 4 000 US-Fami­lienangehörige. Der Neubauwohnungsbestand für amerikanische Familien ist genauso hoch wie der gesamte Wohnungsbestand für die einheimische Bevölkerung. Die Zahl der Gaststätten steigt von zehn auf 51, davon sind 30 reine Barbetriebe, 29 in Händen ausländischer Betreiber (zum Vergleich: Kaiserslautern mit 90 000 Einwohnern hatte 60 Barbetriebe).

174 weibliche Bedienungskräfte, die aus aller Herren Länder zuziehen, werden beschäftigt, an den ‚Pay-Days’ steigt die Zahl der weiblichen Besucher, der günstige Dollarstand von 1:4 DM schafft die Möglichkeit für amerikanische Soldaten, ihre Freundinnen gut auszuhalten. Eine gefährliche Situation, die die Moral aufweicht. Noch bilden die Einheimischen einen gesunden stabilen Kern. Die Zahl der unehelichen Geburten, die im Landesdurchschnitt bei fünf Prozent liegt, erreicht in Baumholder 22 Prozent, und überwiegend sind die Mütter Serviererinnen, Frauen ohne feste Bleibe. Die Sozialdienste haben vollauf zu tun, die beiden Kirchen leisten wertvolle Hilfe mit Auffang- und Beratungseinrichtungen. Die Polizei ist überbeschäftigt, Schlägereien in den Gaststätten, Rassenschwierigkeiten unter den US-Soldaten. Der Straßenverkehr erfordert viel Aufmerksamkeit, auf 13 000 zivile Fahrzeuge im Kreisgebiet kommen allein 5 000 amerikanische Privatwagenbenutzer. An einem Drittel der über 1 500 jährlichen Verkehrsunfälle waren Ausländer beteiligt. Bei allen Belastungen dürfen wir aber nicht vergessen, dass die Truppen der größte Arbeitgeber im Kreise sind, allein 3 500 deutsche Arbeiter waren damals im Platzbereich beschäftigt.“

Das in aller Welt bestaunte bundesdeutsche „Wirtschaftswunder“ stützte sich also im Landkreis Birkenfeld weitgehend auf ein spezifisches Fundament militärischer Notwendigkeiten. Die Aufrüstung sättigte den Arbeitsmarkt. Und die noch im Zeichen der nationalsozialistischen Kriegsvorbereitungen geschaffenen Fakten zogen Baumholders Nachkriegsentwicklung zwangsläufig hinter sich her. Der langwierige „Ost-West-Konflikt“ samt allen ideologischen Gegensätzen zwischen freiheitlicher Demokratie und chimärenhaftem „demokratischen“ Sozialismus bildete die politische Kulisse für jenes durchaus epochale „kleine Welttheater“ an Nahe, Glan und Totenalb.

Spätestens seit Präsident George W. Bush am 17. August 2004 eine globale Umstrukturierung der US-Streitkräfte verkündete, ist den Menschen in und um Baumholder klar, dass eine unvergleichliche Ära jetzt unwiderruflich zu Ende geht. Denn die Zukunft der Garnison und des Truppenübungsplatzes scheint ungewisser als je zuvor. Pessimisten reden bereits von einer „Geisterstadt“ mit 2 500 leer stehenden Wohnungen. Politiker und Verwaltungsleute üben sich einstweilen im Aussprechen beruhigender Worte – aber auch sie wissen gar nichts Genaues darüber, was aus dem sinnbildlichen „Tropf des Militärs“ als nächste Überraschung heraus rieseln wird.

Großes Interesse an der verlorenen Heimat

Bereits um 1980 beklagten die Vertrauensleute der ehemaligen Dorfgemeinschaften das anscheinend schwindende Interesse an den Heimattreffen auf dem Truppenübungsplatz. Höchstens zehn oder zwölf Jahre noch könnten diese Begegnungen von früheren Einwohnern der geräumten Orte veranstaltet werden, bis sie mangels Teilnehmern eingestellt werden müssten.

Die Redner damals irrten sich. Denn wer am Pfingstsonntag 2004 die lange Schlange parkender Fahrzeuge hinter dem Ortsausgang von Unterjeckenbach bis zum Treffpunkt in der Maschinenhalle entlang ging, hätte eher glauben können, dort sei eine große Kirmes im Gange. Schätzungsweise 400 Teilnehmer nutzten die von herrlichem Wetter begünstigte Gelegenheit zum Wiedersehen einstiger Nachbarn sowie auch für einen Kurzbesuch in ihren erloschenen Heimatdörfern. Die Platzkommandantur hatte Gelegenheit zur traditionellen Busrundfahrt gegeben, die diesmal durch die einstigen Ortslagen Oberjeckenbach, Ilgesheim, Ehlenbach, Wieselbach, Mambächel, Wickenhof und Hohenrötherhof zurück zum Ausgangspunkt führte.

Anders als um 1980, als die noch unmittelbar von den Zwangsumsiedlungen der dreißiger Jahre betroffenen Eltern und Großeltern zusammenkamen, sind es heute deren Kinder und Enkel, die enormes Interesse an der verlorenen Heimat und den Überresten der Orte zeigen, worin ihre Ahnen ansässig waren.

Viele Gespräche beim Treffen in Oberjeckenbach und während der Busrundfahrten kreisten um die aktuellen Fragen nach der Zukunft des Übungsplatzes. Was wird nach einer vorhersehbaren Auflösung des amerikanischen Garnisonsstandorts sowie infolge der Einsparungszwänge bei den deutschen Streitkräften mit dem riesigen Areal geschehen? Deutlichen Beifall findet bei den „Ehemaligen“ die duale Perspektive für Umweltschutz und Fremdenverkehr: Ein aus dem Truppenübungsplatz hervorgehender „Nationalpark Westrich“ könnte nämlich in der Region – mitsamt den bereits vorhandenen Ferienrouten und Einzelattraktionen – eine gewaltige Schubkraft für die touristischen Potenziale bewirken.

Mambächeler Orientierungshilfen

Als die ersten Tropfen fielen und sich binnen weniger Minuten ein heftiger Sturzregen entwickelte, saßen die Teilnehmer des Mambächeler Heimattreffens 2004 schon wieder behaglich in der Guthausmühle. In den lebhaften Austausch ihrer Erinnerungen konnten sie frische Eindrücke ihrer soeben, noch rechtzeitig vor dem Wetterumschwung, beendeten Rundfahrt durch die verlorene Heimat auf dem Truppenübungsplatz einfließen lassen.

Erstaunlich, wie viele Angehörige der jüngeren Generation sich heute für den Herkunftsort der Eltern, Großeltern und früheren Vorfahren interessieren. Ihre Erwartungen wurden vortrefflich erfüllt, denn der erhoffte heimatgeschichtliche „Anschauungsunterricht“ fand noch unter strahlendem Sonnenschein statt. Nach einer kurzen Begrüßung durch Mambächels Vertrauensmann Fritz Schanz wurde der eigens gecharterte und von einem sachkundigen Major der Kommandantur begleitete Bus bestiegen; gut 15 Personen mussten mit Stehplätzen vorliebnehmen. Doch deren Beine wurden kaum strapaziert, denn die ehemalige Ortslage Mambächel liegt ja nicht einmal fünf Fahrtminuten von der Guthausmühle entfernt.

Sogleich nach dem Halt in der einstigen Dorfmitte, wo sich die alten Straßen zum Mambächlerhof, nach Grünbach, in die Winterhauch sowie nach Frohnhausen und Breungenborn verzweigten, stürmten die ältesten Fahrtteilnehmer geradewegs los.

Zielstrebig stapften sie durch Gestrüpp und Wiesengelände; sie wussten noch genau die Stellen, wo ehedem die Häuser standen, aus denen sie 1937, im noch jugendlichen Alter, unfreiwillig ausziehen mussten. Mit Staunen und insgeheimer Ergriffenheit sahen die Angehörigen der Kinder- und Enkelgeneration, wie mehrere der Älteren ein paar Steinchen aus ihrem einstigen Elternhaus auflasen oder einen Zweig vom Nussbaum der Urgroßeltern als Erinnerungsstücke in die Handtasche steckten.

Vor allem anhand der alten Obstbäume, die einst in den Bauerngärten oder auf etlichen „Bitzen“ standen, konnten sich die ehemaligen Einwohner noch halbwegs zurechtfinden. Ein unter dem Ortsschild  angebrachter Übersichtsplan erleichtert die Orientierung. Die stellenweise noch vorhandenen Pflasterrinnen beiderseits der früheren Straßen eignen sich je nach Biegungswinkel und Steigungsgrad als Anhaltslinien. Wer dann aufmerksam den Blick durchs Unterholz schweifen lässt, vermag tatsächlich hier und da noch geringe Überreste der einstigen Bebauung zu identifizieren.

Eine Dame aus Kaiserslautern versuchte sich in die Kindheitsumgebung ihres aus Mambächel stammenden Gatten hineinzudenken. Sie wird dem nicht mehr reisefähigen Ehemann von einem schönen Erlebnis berichten können. Mit seiner Fotokamera dokumentierte ein Herr aus Mainz den heutigen Naturzustand des elterlichen Heimatdorfs. Ihm ging es außerdem darum, Mambächels landschaftliche Einbettung und die geographischen Bezugspunkte der weiteren Umgebung zu studieren. Dazu bot sich gute Gelegenheit bei der Weiterfahrt hinauf zum „Plättchen“, von wo der Panoramablick weit über das Westrich mit den markanten Konturen von Potz- und Königsberg, zum vorderpfälzischen Donnersberg und auch, im Hintergrund der Winterhauch, zum Hunsrücker Hochwaldrücken reicht.

Auch die Fahrt zum „Plättchen“ bot eigene Reize. Nicht weit vom einstigen „Kaiserbrunnen“ stand am Wegrand ein Damwildrudel und zeigte nicht die geringste Scheu. Zahlreiche Falken, Bussarde und Milane wurden gesichtet, jedoch kein einziges übendes Militärfahrzeug. Vielleicht wird ja beim weiteren Rückgang der militärischen Nutzung des Übungsplatzes den Belangen des Naturschutzes ein zunehmender Vorrang eingeräumt. So könnte ein künftiger „Nationalpark Westrich“ zum höchst bedeutsamen Wirtschaftsfaktor werden. Denn unter dem Vorzeichen eines sowohl sanften als auch zugleich sportiven Tourismus’ würden gewiss Synergieeffekte auf die bereits etablierten Schwer­punkte des Fremdenverkehrs – von der Deutschen Edelsteinstraße bis ins Kuseler Musikantenland – ausstrahlen. Wer weiß, ob Mambächel schon in baldiger Zukunft ein Etappenziel für Radwanderer auf den völlig autofreien Routen durch die verlorene Heimat sein könnte?

 

 


Text: Uwe Anhäuser
Fotos: Petra Wernitz (2015)

Autor: tv
These icons link to social bookmarking sites where readers can share and discover new web pages.
  • email
  • Facebook
  • Google
  • LinkedIn
  • Live
  • PDF
  • PrintFriendly
  • Twitter