Meisenheim, einst Perle am Glan - heute Kruppstahlästethik

Abschied von der "alten Welt" im Nordpfälzer-Bergland

(...)

Kusel, im August 2014


Liebes Meisenheim, du „Perle am Glan“,


wie oft habe ich dich besucht: allein, mit Gästen aus Frankfurt, München und Berlin, mit Studentinnen und Studenten aus China und Indien.

Und immer waren die Besucher entzückt von deinen malerischen Gassen mit den alten Fachwerkhäusern und dem Untertor an der Brücke.

Aber was sie wirklich begeisterte, war deine Lage am Fluss, umgeben von den sanften Hügeln des Nordpfälzer Berglands. Denn das war es, was deinen Zauber wirklich ausmachte: dass es hier ein mittelalterliches Städtchen gab, das harmonisch eingebettet war in eine liebliche, kleinteilige Natur –und Kulturlandschaft.

„Verwunschen“ nannte eine Freundin aus München dieses Land am Glan. Es ist sicher kein Zufall, dass hier zwischen Glan und Nahe Hildegard von Bingen aufwuchs, eine der bedeutendsten Mystikerinnen und eine der gelehrtesten und intelligentesten Frauen des Mittelalters. Welch besseren Ort könnte man sich denken als diesen wahrhaft magischen Disibodenberg. Der Berg, zu dessen Fuß der Glan in die Nahe fließt.

Ja, liebes Meisenheim und liebes Land an Glan und Nahe, ihr schafftet es, Menschen anzurühren und zu verzaubern, die in allen möglichen Metropolen dieser Welt – von London bis Tokio – gelebt hatten und die die großartigsten Landschaften dieser Welt – von den Anden bis zum Himalaya – bereist hatten. Ihr wart wirkliche Perlen. WART.

Lesetipp

Georg Etscheit
Geopferte Landschaften

Denn leider, liebes Meisenheim und liebes Land an Nahe und Glan, haben die Perlen doch sehr an Glanz verloren. Vor einer Woche machte ich mich wieder mit Freunden auf, euch zu besuchen. Doch je mehr wir uns Meisenheim näherten, desto größer wurde unser Entsetzen: riesige Windindustriemonster, die mit ihrer „Kruppstahlästhetik“ und durch ihre schiere Größe das Tal unter sich einfach erschlagen, ragen nun mit einer totalitären Dominanz der Hässlichkeit über dir auf. Du wirst uns verzeihen, liebes Meisenheim, dass wir an einem solchen Ort nicht verweilen wollten und dich „links“ (eigentlich rechts) liegen ließen.

Auf dem Weg zum Disibodenberg erwarteten uns jedoch weitere Monstrositäten: auch das einst wirklich nette, weil noch mit viel typischer alter Bausubstanz ausgestattete Dörfchen Rehborn wird von der über ihm thronenden, wie eine feindliche Invasion durch gigantische Aliens wirkende Windindustrie völlig erschlagen. Wie sehr das gesamte Tal zwischen Odernheim und Meisenheim durch diese total überdimensionierten Industrieanlagen beherrscht und entzaubert wird, wurde uns besonders auf dem Rückweg klar. Dass – wie ich erfahren habe - sogar Odernheim Pläne in der Schublade zu haben scheint, auf seinem Gebiet ebenfalls die Landschaft zu industrialisieren, wird künftige Besucherinnen und Besucher des Disibodenbergs gewiss erfreuen. Sind sie doch genau der Typ Mensch, der am liebsten hunderte Kilometer fährt, um banale, völlig austauschbare Industrielandschaften aufzusuchen.

Ja, liebes Land an Glan und Nahe, deine Bewohner sind gerade dabei, dir deine Lieblichkeit und Unverwechselbarkeit in Windeseile auszutreiben.

Warum sie das tun, fragst du dich?

Ist es deshalb, weil sie von einer übergeordneten Instanz dazu gezwungen werden? Nun, unter uns gesagt hat es in Deutschland ja Tradition, sich auf Befehle von oben zu berufen. („Wenn wir den Befehl, dieses und jenes Unrecht zu tun, verweigert hätte, dann wären wir selbst erschossen etc. worden.“) Traurig charakterlos. Aber wäre es einer Demokratie nicht völlig unwürdig, wenn die Menschen von oben verordneten und als mehrheitlich falsch empfundenen Beschlüssen völlig machtlos gegenüberstünden? Wenn Menschen sich nicht ab und zu mal gegen oben erheben würden, wenn sie sich gegen ihnen von höheren Verwaltungshengsten/-stuten aufoktroyierte Zumutungen wehren müssen? Und glaub mir, sie sind schon wegen wesentlich Geringerem (siehe Thema „Tempolimit“ etc.) Sturm gelaufen.

Illustration: Nahe der Natur - Das Mitmachmuseum für Naturschutz

Ist es deshalb, weil die Gemeinderäte und Ortsbürgermeister hier die Umwelt und das Weltklima retten wollen? Nun, auch das ist zu bezweifeln. Es handelt sich in der Mehrheit nämlich um Menschen, die eine Revolte anzetteln, wenn es nicht jeden Tag in der Werkskantine Fleisch gibt (obwohl es dem Weltklima ganz gut täte, wenn die Menschheit mal ein bisschen weniger Fleisch konsumieren würde). Es handelt sich um Menschen, die das Recht, überallhin mit dem Auto kutschieren zu können, als das allerhöchste aller Menschenrechte betrachten. Leute, die auch die 200 Meter zum nächsten Briefkasten nie zu Fuß gehen würden. Zeitgenossen, die sich keine Gedanken darüber machen, mit dem Billigflieger an auch gut mit dem Zug erreichbare Urlaubsziele zu düsen (obwohl Autos und Flugzeuge ja nicht unerheblich zum weltweiten CO2-Ausstoß beitragen).

Videoteaser zu
"Geopferte Landschaften"
Die überfällige Debatte: Was bringt die Energiewende wirklich?

Wenn das offensichtlich nicht die Gründe sind, fragst du dich, warum tun sie es dann? Warum stellen sie dich dann so gnadenlos mit Windindustrieanlagen zu?

Nun, ganz einfach: „It´s the avarice, stupid!” Die gute alte Habgier steckt hier dahinter. Die hässliche Eigenschaft, die schon im Buch der Bücher unter den sieben Todsünden aufgelistet wird.

Ja, liebes Meisenheim und liebes Land an Nahe und Glan, ihr ehemaligen Perlen, sie haben euch gegen Glasperlen verkauft. So wie einst „die naiven Eingeborenen“ in fernen Ländern mit billigem Tand von europäischen Invasoren um kostbare Felle und vor allem um kostbares Land betrogen wurden, so haben die Eingeborenen hier sich gegen ein paar lumpige Euro um eine wunderschöne Landschaft betrügen lassen.

Die „dreißig Silberlinge“ sind hier vielleicht sechzigtausend Euro per Rad und annum. Für diese schäbige Summe, die für die Manager der Windenergiekonzerne eh nur Klimpergeld ist, haben sich die naiven Eingeborenen hier von Industriekonzernen, die Milliarden an Subventionen (alles bezahlt durch eure Abgaben, ihr Leute vom Land!) einstreichen, über den Tisch ziehen lassen. Und während die naive Landbevölkerung hier nun im Schatten von Riesenrotoren leben muss, residieren diejenigen, die den großen Reibach machen, natürlich in schicken Vororten von Großstädten, wo man von solchen Industrieanlagen schön verschont bleibt. Und statt Urlaub im von ihnen „neu gestalteten“ Nordpfälzer Bergland zu machen, relaxen die windigen Energiebosse dann doch lieber auf den Malediven oder auf Mauritius, wo man so einen wunderbar unverspargelten Horizont hat.

Und hier, liebes Meisenheim und liebes Land an Nahe und Glan, fragt ihr euch bestimmt, ob ihr in Zukunft weniger Besucher haben werdet. Ob die Touristen ausbleiben werden. Nun, ich denke, die Draisine wird immer noch feuchtfröhliche Kegelclubs und Betriebsausflüge anziehen. Aber dass Meisenheim, der Disibodenberg und die Burg Montfort durch in der Nähe aufgestellte, monströse Industrieanlagen zu Besuchermagneten werden, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Denn ganz unter uns: Meisenheim ist ein nettes mittelalterliches Städtchen, der Disibodenberg ist ein wunderbarer, sehr inspirierender Ort und die Burg Montfort ist ein wildromantisches Gemäuer, aber mit Gordes oder Tallinn, mit Stonehenge und mit Carcassonne können sie wohl nicht ganz mithalten. Das, was diese Orte an Glan und Nahe so bezaubernd machte, war die sie umgebende „verwunschene“ Landschaft.

Begreift es endlich, liebes Meisenheim und liebes Land an Nahe und Glan: ohne die Lieblichkeit und Unverwechselbarkeit eurer Landschaft habt ihr nicht viel zu bieten. Dann seid ihr nur öde, durch Industrieanlagen verschandelte Provinz. Und genau deshalb werdet ihr auch in Zukunft etwas weniger Besuch aus Frankfurt, München und Berlin, aus China, Indien und anderen Ecken der großen weiten Welt haben.

Genau deshalb, liebes Meisenheim und liebes Land an Nahe und Glan, möchte auch ich mich von euch verabschieden. Ich wünsche euch alles Gute. Tröstet euch: eines Tages wird auch der Windindustriespuk vorbei sein. Ich wünsche euch vor allem die Bewohnerinnen und Bewohner, die euch verdient haben. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass eure Bewohnerinnen und Bewohner irgendwann mal anfangen zu begreifen, in welch einer wunderbaren Natur sie eigentlich leben dürfen. Glaubt mir, ich bin sehr viel gereist und habe einige großartige Landschaften auf dieser Welt gesehen. Aber eine lieblichere Landschaft als dieses sanfte Nordpfälzer Bergland habe ich nie gefunden.

Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass eure Bewohnerinnen und Bewohner eines Tages mal den Fernseher ausschalten, ihre Kinder mal für zwei Stunden von Computerspielen und Facebook weglocken und mit ihnen in die Natur gehen, um ihnen zu zeigen, wie unschlagbar fantastisch die Welt direkt vor ihrer Haustür ist. Dass diese Menschen und ihre Kinder beginnen zu verstehen, wie schützens- und erhaltenswert ihre sanfte, freundliche Landschaft ist. Dass diese Menschen, die in einem der reichsten Länder dieser Erde leben, die Wohnungseinrichtungen haben, von denen jeder Fürst früher nur hätte träumen können und vor deren Häusern im Durchschnitt zwei Autos stehen, erkennen, dass sie es gar nicht nötig haben, ihre Landschaft und ihre Seele zu verkaufen.

Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass die Menschen eines Tages mal aufstehen werden gegen die Zerstörung ihrer einzigartigen Landschaft. Dass sie sich zur Wehr setzen werden gegen gewisse Leute und vor allem Leutinnen in Mainz, die ihr Projekt der Energiewende ja vor allem deshalb so gnadenlos radikal und ohne Rücksicht auf Verluste durchsetzen wollen, um sich selbst zu profilieren. (Gewisse Anreize durch finanzielle Zuwendungen seitens der Energieindustriekonzerne können bei Politikerinnen und Politikern natürlich auch nie ganz ausgeschlossen werden.)
Leute vom Glan und von der Nahe, ich glaube an euch. Wenn ihr es nicht schaffen könnt – wer dann? Vergesst nicht, dass ihr Urgroßnichten und –neffen von Hildegard seid! Einer Persönlichkeit, die sich nicht nur durch ungeheuren Scharfsinn und immenses Wissen, sondern auch durch große Willensstärke und Durchsetzungskraft auszeichnete. Ich weiß, dass so ein Funke Hilde in euch stecken muss, so ein bisschen von dem Geist, der mehr vom Leben will als nur Besitz, aber auch ein gehöriges Stück Renitenz, das ihr brauchen werdet, um euch durchzusetzen. Gegen gierige Konzerne und geschmierte Politikerinnen und Politiker, die nur euer Bestes wollen: nämlich euer Land.

Ich setze auf euch – ihr könnt es schaffen!

Viele Grüße und alles Gute
Cornelia Hahn

ch Dienstag 13. Dezember 2016 - 12:26 Uhr | | Artikel